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Eines der wichtigsten Lager: der Bietigheimer Bahnhof

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August 1944: Mehrere Tage lang war der jüdische Häftling Jules Schelvis schon im Viehwaggon unterwegs, eingepfercht mit unzähligen anderen Gefangenen, mit denen er bis vor Kurzem noch im Ghetto Radom in Polen zu schuften hatte. Bis sie nach Auschwitz mussten. An der berüchtigten Rampe des Vernichtungslagers hat die SS sie nicht zum Sterben ins Gas geschickt, sie durften als Sklaven weiterleben. Der Zug dampfte in den Süden, die einzige Ausstattung im Waggon war ein Kübel in er Ecke. Für die Exkremente. Die mehr als 2000 Häftlinge in den Waggons waren für die Zwangsarbeit beim KZ Vaihingen vorgesehen, wo sie eine Flugzeugfabrik in den Fels schlagen sollten. Zuvor aber mussten sie in Bietigheim aus dem Waggon. Zum Entlausen.

200.000 Zwangsarbeiter

Der Bietigheimer Lagerleiter Wilhelm Fellner ging davon aus, dass ungefähr 200.000 Zwangsarbeiter durch das Lager geschleust wurden, das im April 1942 in Dienst genommen wurde. Die Sklaven stammten vor allem aus der Sowjetunion. An diesem Dienstag berät der Bietigheim-Bissingener Gemeinderat, ob ein Denkmal am Bahnhof an ihr Schicksal erinnern soll (siehe Infobox)

Anders als die Deportierten in Schelvis’ Zug, die für das KZ Vaihingen vorgesehen waren, entschied sich für die überwiegende Mehrheit der Zwangsarbeiter erst in Bietigheim, wo sie hin mussten. Auf einen Bauernhof? Da gab es wenigstens etwas zu essen, falls der Bauer teilte. Oder bei einem anderen Betrieb im Südwesten? Denn für die Kriegswirtschaft des Deutschen Reiches war das Lager in Bietigheim eine der wichtigsten Verteilstationen in Süddeutschland, es war eines von reichsweit 22 „Dulags“ („Durchgangslager“). Weil Millionen deutscher Männer an der Front kämpfen mussten, waren die Zwangsarbeiter das Rückgrat der deutschen Kriegswirtschaft.

Doch warum Bietigheim? Laut der Historikerin Chrstine Axmann gibt es dafür drei wesentliche Gründe: Erstens: die günstige Lage. Bietigheim war ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Von hier aus ließen sich die Sklaven gut weiterverfrachten, nachdem sie von den Sekretärinnen des Ludwigsburger Landesarbeitsamtes erfasst worden waren. Diese Behörde betrieb das Lager und hatte es gebaut. Der zweite wichtige Grund, warum die Wahl auf den Standort Bietigheim fiel: Direkt in der Nähe des Bahnhofs, im Norden, gab es ein Gelände, das sich für den Bau der zunächst geplanten 32 Baracken eignete (es wurden bis zu 50): im „Laiern“, damals war dort noch viel Wald. Und drittens erwies sich der Bürgermeister für die Planer des Lagers offenbar äußerst hilfsbereit. Gotthilf Holzwarth, Bietigheims Rathauschef während der Nazi-Zeit, erhoffte sich als Gegenleistung möglichst viele Zwangsarbeiter für die Stadt und die heimischen Betriebe, erklärt Historikerin Axmann. Auch erhoffte sich Holzwarth Absatz für die hiesigen Metzger oder Bäcker, um den Bedarf der Lagerwachen und der Häftlinge zu decken.

Der Lagerleiter Wilhelm Fellner war Angestellter des Ludwigsburger Landesarbeitsamtes, welches das Lager betrieb und gebaut hatte. Er soll versucht haben, verschleppte Familien nicht auseinanderzureißen, sondern sie gemeinsam in denselben Betrieb zu schicken. Von der Spruchkammer in Ludwigsburg wurde er nach dem Krieg als „Mitläufer“ eingestuft, die zweitniedrigste Stufe von fünf. Er habe, so heißt es in dem Urteil, „den Gefangenen sehr viel Gutes getan, und sich in jeder Lage bemüht, ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen“. Zweimal wurde er deswegen während des Krieges nicht befördert. Aufseher über die Wachposten war ein SS-Mann von der Gestapo Stuttgart, wie Sonja Eisele vom Bietigheim-Bissinger Stadtarchiv berichtet. Laut Eisele war das Lager umzäunt von Stacheldraht, bewacht wurde es zunächst von einem Hilfspolizisten, der schon pensioniert war. „Später lag die Bewachung bei der Wachmannschaft der Heilbronner Wach- und Schließgesellschaft, unterstützt durch die örtliche Polizei“, berichtet Eisele.

Hinrichtung eines 20-Jährigen

Im Bietigheimer Durchgangslager blieben  die Häftlinge meist nur wenige Tage. Mindestens eine Hinrichtung ist überliefert: Der 20-jährige Wasilij Demenko, ein Arbeiter von Daimler-Benz in der Kammgarnspinnerei, wurde laut der Historikerin Axmann erhängt. Er hatte im Frühjahr 1944 Schuhe aus dem Schaufenster der Firma Mannal-Müller gestohlen und einen Polizisten überwältigt.

Die Transportbedingungen in den Zügen aus dem Osten waren so elendig, dass immer wieder Tote aus den Viehwaggons geborgen werden mussten. Auch kam es vor, dass die Häftlinge kurz nach der Ankunft in Bietigheim starben, an Hunger oder an Seuchen. Laut Stadtarchivarin Sonja Eisele wurden 200 von ihnen auf einem nahegelegenen Friedhof begraben. Nach dem Krieg entstand an der Stelle des Durchgangslagers und des Friedhofs das heutige Industriegebiet Laiern. Die Toten wurden auf den Friedhof St. Peter umgebettet, wo heute noch eine Metallplattte an sie erinnert.

An der Stelle, wo während des Krieges das Bietigheimer Lager war, nahe des heutigen Valeo-Geländes bei der Industriestraße, steht mittlerweile kein Gebäude mehr aus der Nazi-Zeit.

Info Der Niederländer Thomas Schelvis überlebte zehn Konzentrationslager und starb 2016 im Alter von 95 Jahren. Sein Buch „Vernichtungslager Sobibór“ ist das Standardwerk über diese Tötungsstätte in Polen, wo Schelvis’ Frau Rachel ermordet wurde. Noch 2015 besuchte er auf Einladung der Kommune die Gedenkstätte beim früheren KZ Vaihingen.

Gute Idee, Entwurf untauglich

Ein Dilemma vieler Denkmäler, die an das Dritte Reich erinnern, ist, dass es so viele davon gibt. Der pädagogische Zweck des Einzelwerks droht zu versanden. Das dürfte das Schicksal der meisten Steine und Tafeln sein, die irgendwo gut versteckt am Boden oder an Gebäuden angebracht sind. Man muss gut überlegen, ob es ein weiteres Mahnmal braucht, das an die Schrecken des Dritten Reichs erinnert. Denn die Erinnerung an diese Zeit ist zu wichtig, um sie mit einer Denkmals-Inflation zu verwässern. Ein Denkmal für die Zwangsarbeiter am Bietigheimer Bahnhof macht dagegen Sinn, allein wegen der Menge an Sklaven, die von dort aus weiterverfrachtet wurden: 200.000. Und wegen der Menge an Menschen, die dort heutzutage täglich vorbeigeht. Wenn es gut durchdacht ist, gibt es eine Chance, dass es viele zum Denken bringt. Die Frage ist nur, ob irgendeiner den Entwurf von Focke-Levin kapiert. Er ist viel zu kleinteilig, den Zusammenhang der Elemente dürften in der Alltagshektik nur die Wenigsten verstehen. Ein Mahnmal muss aber sofort verstehbar sein. Ansonsten wird es ein Denkmal, das keiner braucht.

An diesem Dienstag entscheidet der Gemeinderat von Bietigheim-Bissingen, ob am Bietigheimer Bahnhof ein Mahnmal an das Schicksal der Zwangsarbeiter erinnern soll (die BZ berichtete).

Der Grund für das Vorhaben: Laut OB Jürgen Kessing war seitens der Bürgerschaft immer wieder der Wunsch nach einem Mahnmal an die Verwaltung herangetragen worden. Es solle „ein Ort des geistigen Anstoßes und der dauerhaften Erinnerung an die Zwangsarbeit, vor allem auch an das Durchgangslager als Teil des menschenverachtenden Unrechtssystems des Nationalsozialismus“ sein, ist in der Beschlussvorlage zu lesen.

Die Ludwigsburger Künstlerin Sara Focke-Levin schlägt wie berichtet ein Mahnmal in vier künstlerischen Stationen und einer Infotafel im Bahnhofsbereich auf stadteigenen Flächen vor. Die Stadt geht von Kosten in Höhe von 35.000 Euro aus, die sich aus rund 25.000 Euro für das Material und 10.000 Euro fürs Honorar zusammensetzen.

Das Mahnmal soll den Plänen der Stadt zufolge aus mehreren Arbeiten bestehen: Während die beiden Werke  „Uhr“ und „Schildermast“ symbolische Hinweise geben sollen, ist der Zweck von Textpassagen auf den Glasflächen der Bushaltestellen, für konkretere Informationen zu sorgen. Um den Zusammenhang der einzelnen Stationen und ihre inhaltliche Verbindung zum Thema herzustellen, soll jede Station mit einer Plakette/Tafel und einem Symbol versehen werden. Für die Fußgängerunterführung zur Altstadt sind Infotafeln  mit historischen Fakten geplant. mart/um

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