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Die Wartelisten sind voll

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Rüdiger Munz ist Kinder- und Jugendpsychotherapeut.  Foto: 

Seit Anfang Juli hängt das Schild in der Bahnhofstraße 123: Hier hat der 41-jährige Rüdiger Munz eine neue Praxis für Kinder- und Jugendpsychotherapie eröffnet. Zunächst ohne Kassensitz, das heißt, der Patient zahlt die Therapiestunden selbst. Joachim Härle von der AOK Ludwigsburg-Rems-Murr sagt: „Wer in adäquater Zeit keinen Psychotherapeuten für die Behandlung findet, kann nach Rücksprache mit der Krankenkasse unter bestimmten Voraussetzungen eine außervertragliche Psychotherapie in Anspruch nehmen.“ Der Zeitrahmen, in dem der Patient bei einem Psychotherapeuten unterkommen sollte, ist weit gefasst: „Wartezeiten zwischen drei und vier Monaten und bis hin zu sechs Monaten sind durchaus möglich“, sagt der AOK-Sprecher. Allerdings können sich Patienten auf Paragraph 13 im Sozialgesetzbuch berufen, der die Kassen zu einer Kostenerstattung zwingt.

Mehr Menschen betroffen

Laut einem Versorgungsbericht der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), die den Bedarf an Ärzten und Psychotherapeuten im Landkreis bestimmt, gibt es in der Großen Kreisstadt nur acht Psychotherapeuten. Zum Vergleich: In Ludwigsburg kümmern sich laut der KV-Statistik aus dem vergangenen Jahr 39 Menschen um das geistige Wohl der Einwohner. Dabei hat die Barmer-Versicherung erst vor kurzem eine Studie veröffentlicht, wonach die Anzahl der Versicherten, die wegen einer Depression zum Arzt müssen, seit 2012 gestiegen ist. Demnach waren im Jahr 2015 in Baden-Württemberg 291 000 Männer wegen einer depressiven Episode beim Arzt, zehn Prozent mehr als im Jahr 2012. Bei den Frauen stieg die Zahl der Betroffenen im selben Zeitraum um fünf Prozent auf 479 300. Frauen suchen laut einer Mitteilung der Barmer schneller nach Hilfe.

In der Internetsuche der KV, in der jeder gelistet ist, der entweder als Arzt eine psychotherapeutische Zusatzausbildung gemacht hat, oder der im Psychologiestudium den Schwerpunkt auf Medizin gelegt hat, finden Patienten zwölf Suchergebnisse für Bietigheim-Bissingen. Allerdings führt die KV auch Hausärzte auf – warum, konnte eine Sprecherin der KV nicht beantworten.

Eine Stichprobe der BZ ergab, dass laut Bandansage in keiner der Praxen noch Therapieplätze frei sind. Drei Praxen befinden sich allerdings gerade im Urlaub. „Die Wartezeit hängt auch von der Flexibilität des Patienten ab“, sagt der Facharzt Enrique Schmidt-Grunwald. Er habe gerade keine freien Plätze, aber wenn ein Patient seine Therapie abschließt und ein Suchender exakt in diesem Zeitfenster kann, dann sei der Platz sofort wieder neu besetzt. „Da kann es nach einer Woche auf der Warteliste schon klappen“, so Schmidt-Grundwald.

Kindertherapie aufwendiger

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sei zeitlich aufwendiger als die mit Erwachsenen, sagt Rüdiger Munz. „Weil man nicht nur mit dem Patienten, sondern auch mit den Personen im Bezugssystem wie Eltern und Lehrer Kontakt hat.“ Ab dem Alter von 15 können Jugendliche einen Psychotherapeuten aufsuchen, ohne das Wissen ihrer Eltern. „Häufiger kommen die jungen Menschen auf Empfehlung der Schule oder aus dem Verein in meine Praxis.“ Doch wo liegt – abgesehen von der fachlichen Ausbildung der Therapeuten – der Unterschied zwischen jungen und erwachsenen Patienten? „Ein Erwachsener hat sich oft schon Gedanken gemacht, woran er leiden könnte. Kinder wissen gar nicht, dass ihre Traurigkeit eine Krankheit sein könnte“, sagt der Bietigheim-Bissinger.

Der approbierte Kinder- und Jugendpsychotherapeut ist verpflichtet seine Behandlungen zu dokumentieren und er muss zu Eingang des Gesprächs selbst Achtjährige fragen, ob sie vorhaben sich umzubringen. Meist kommen die jungen Patienten allerdings wegen Angststörungen, Hyperaktivität oder einer Störung des Sozialverhaltens in seine Praxis. Nachdem der 41-Jährige eine Indikation gestellt hat, arbeitet er mit seinen Patienten eher daran, den Auslöser im Hintergrund zu beseitigen. „Wir finden heraus, warum ein Mädchen eine Essstörung hat.“ Seit einigen Jahren sei die Akzeptanz gestiegen, aus dem Besuch beim „Seelenklempner“ auch gegenüber Freunden kein Geheimnis mehr zu machen. Da von den gerade acht Therapeuten in Bietigheim-Bissingen nur drei auch Kinder und Jugendliche behandeln, ist der 41-jährige Munz zuversichtlich, dass er zunächst auch ohne Kassensitz in Bietigheim-Bissingen Fuß fassen wird.

97 Psychotherapeuten praktizieren derzeit im Kreis Ludwigsburg. Damit gilt der Landkreis nach der Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung als leicht unterversorgt – ein Sitz ist noch frei. Es könnte sich also noch ein Psychotherapeut niederlassen. Weitere Therapeuten dürfen sich nur hier niederlassen, wenn sie die Praxis eines Vorgängers übernehmen oder im Jobsharing tätig werden. laut Zahlen aus den Quartalen 2/2016 bis 1/2017 sind etwa 30 Prozent der Therapeuten männlich. Der Großteil der Patienten im Landkreis wird von weiblichen Therapeuten behandelt (70 Prozent).

43 der insgesamt 97 Therapeuten haben eine Zulassung für Gruppentherapien, davon dürfen 32 Gruppenarbeit mit Erwachsenen anbieten und 19 dürfen Kindergruppen behandeln. Laut Auskunft der AOK Ludwigsburg-Rems-Murr sind Wartzeiten zwischen drei und vier Monaten und bis hin zu sechs Monaten durchaus üblich.

200 Minuten pro Woche muss jeder Psychotherapeut mit Kassensitz mindestens telefonisch erreichbar  sein. Für den Patienten gibt seit April dieses Jahres drei Neuigkeiten: Es wurde die Psychotherapeutische Sprechstunde für eine schnelle diagnostische Abklärung für Erwachsene eingeführt mit bis zu sechs Gesprächen zu je 25 Minuten. Auch die Akutbehandlung ist neu und gilt der schnellen Intervention bei Krisen. Dann gibt es noch die Möglichkeit am Ende einer Langzeittherapie Sitzungen aufzuheben, die bis zu zwei Jahre nach Therapieende nachgeholt werden können. cri

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