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Die Vorhänge müssen raus

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Am Montag gab es einen Polizeieinsatz in der Asylunterkunft an der Geisinger Straße, im Hintergrund der Schuttcontainer.  Foto: 

Am Eingang zur Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in der Geisinger Straße hat sich ein Menschenpulk gebildet: Sicherheitsmänner, Flüchtlinge und Polizeibeamte. Die beiden Sicherheitsmänner hatten kurz zuvor die Streife gerufen. Es braucht nicht viel und schon fliegen Beschimpfungen. Die Bewohner der Asylunterkunft des Landkreises sind wütend, weil am Montag mitten zwischen den Holzhäusern ein fünf Meter langer, zwei Meter breiter Schuttcontainer aufgestellt worden ist. Bis Donnerstag, 1. Juni, 10 Uhr, sollen die Asylbewerber dort Teile ihrer Einrichtung hineinwerfen, da diese nicht den Brandschutzvorschriften entspricht.

Die Zimmer, in denen jeweils drei Personen wohnen, sollen damit wieder in den Ursprungszustand vor dem Einzug der Flüchtlinge versetzt werden. Als der Landkreis Ludwigsburg die Unterkunft bereitstellte, standen jeweils Stockbetten aus Metall, drei Spinde, ein Holztisch mit drei Stühlen und ein kleiner Kühlschrank in den Zimmern.

Keine Privatsphäre

Einzug war im Oktober 2016. Seither haben die Bewohner ihre Unterkunft mit persönlichen Gegenständen eingerichtet. An den Fenstern hängen Gardinen – zum Sichtschutz, da Bewohner und Besucher an den Zimmerfenstern vorbei laufen und dabei direkt in die Betten blicken können. Diejenigen der Asylbewerber, die eine Arbeitsstelle gefunden haben, haben sich von ihrem Lohn Sessel oder Sofas auf einem nahe gelegenen Flohmarkt und über Kleinanzeigen besorgt. Gekocht wird in einem anderen Gebäude, in dem auch die Waschräume untergebracht sind. „Deshalb haben sich einige einen Wasserkocher gekauft, damit sie nicht für jede Tasse Tee ins Nebengebäude laufen müssen“, sagt Eva Barnowsky, die sich ehrenamtlich in der Unterkunft engagiert.

Aus Brandschutzgründen

Doch diese Gegenstände müssen nach dem Willen des Landratsamts Ludwigsburg noch in dieser Woche entsorgt werden. Um das den Bewohnern mitzuteilen, hat das Amt Mitte Mai ein Schreiben in der Geisinger Straße aufgehängt. „Dadurch ist große Unruhe und erheblicher Unmut unter den Flüchtlingen entstanden“, sagt Lore Bernecker-Boley vom ökumenischen Freundeskreis Asyl. Sie hatte sich an den Mitarbeiter des Landratsamts gewannt, der für die Asylunterbringungen zuständig ist. In ihrem Schreiben bittet sie um einen „Umgang mit Augenmaß“. Der Mitarbeiter verwies auf die Haus- und Nutzungsordnung, die in allen Unterkünften des Landkreises Ludwigsburg gilt.

Darin heißt es: „Eine Fremdmöblierung ist im Einzelfall nur mit Zustimmung der Mitarbeiter des Landratsamtes Ludwigsburg erlaubt.“ Denn durch die Fremdmöblierung werden Flucht- und Rettungswege zugestellt und es bestehe eine erhebliche Brandlast innerhalb des Gebäudes, heißt es weiter aus dem Landratsamt.

Die Wohnsituation in den Holzhäusern ist beengt, für bis zu 400 Menschen ist die Unterbringung ausgelegt. Bis zur Anerkennung bleiben die Flüchtlinge in der Unterkunft. „Für einige kann das bedeuten, dass sie zwei bis drei Jahre hier wohnen werden“, sagte David Riegraf, einer der zuständigen Sozialarbeiter, bei Einzug. Als „angenehm und friedlich“ beschrieb Andreas Fritz, Leiter der Pressestelle des Landratsamts, noch im Dezember die Wohnsituation. Doch davon war am Montag nichts mehr zu spüren. Fast eine Stunde diskutierten Asylbewerber, die beiden Sicherheitsmänner und Polizeibeamte. „Jeden Dienst werden wir in die Geisinger Straße gerufen“, sagte einer der Beamten.

In dem Schreiben des Landratsamts ist auch von Zimmerkontrollen die Rede, diese finden auch in Abwesenheit der Bewohner statt: „Bei fehlender Zusammenarbeit gibt es Konsequenzen.“ Was diese Konsequenzen sind, erklärt Luana Civilla: „Die Sicherheitsleute notieren die Namen der Flüchtlinge und leiten die Liste ans Landratsamt weiter.“ Wer auf der Liste steht, erhält vom Landratsamt statt des monatlichen Geldbetrags zur Deckung „persönlicher Bedürfnisse des täglichen Lebens“ Gutscheine – für bis zu drei Monate. „Am Donnerstag bei der Räumung könnte die Situation eskalieren“, sagt Civilla. Die Ehrenamtlichen hoffen auf Gesprächsbereitschaft.

Fokus auf die Großunterkunft

Wie groß die Frustration an der Unterkunft in der Geisinger Straße ist, hat die Ortsbegehung am Montagnachmittag gezeigt. Es dauerte nicht einmal fünf Minuten und schon standen sechs Streifenwagen am Zaun aufgereiht mit Blaulicht und Sirene. Gerufen wurden die Polizeibeamten von offenbar überforderten Sicherheitsleuten, die vom Landratsamt aus in der Gemeinschaftsunterbringung für Ordnung sorgen sollen. Man kann es den Sicherheitsmännern nicht verdenken, sie waren zu zweit gegen die zehnköpfige Gruppe aus Flüchtlingen. Weder sprechen die Aufpasser diesselbe Sprache wie die Flüchtlinge – mit Deutsch hapert es bei beiden Gruppen – noch ist man sich von der Mentalität her ähnlich. Das Landratsamt Ludwigsburg hat die Situation an der Geisinger Straße zu lange schleifen lassen, zum Beweis steht dort jede Woche die Polizei auf der Matte. Von der im Dezember beschriebenen Friede-Freude-Eierkuchen-Einigkeit ist nichts mehr zu spüren, schon ein falsches Wort lässt die Gruppen aufeinander losgehen.

Einige Bewohner in der Geisinger Straße konnten die deutschen Infos im Aushang des Landratsamts nicht einmal lesen. Erst später hing ein Zettel auf Englisch dort. Man vermisst das nötige Fingerspitzengefühl im Umgang miteinander.

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