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Der untypische Typ

Zum zweiten Mal nach 2002 kommt Selim Özdogan im Rahmen des Literaturprojekts "Deutsch geht gut" nach Bietigheim-Bissingen. Er liest aus seinem gar nicht typisch türkischen Kurzgeschichtenband "Der Klang der Blicke".

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    Selim Özdogan ist ein Schriftsteller, der nicht typisch sein will. Foto: 
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Es ist die Welt, nicht Deutschland, die Selim Özdogan als Fremde ansieht. Immer ist das ein Thema in seinen Büchern, auch im neuesten, in "Der Klang der Blicke". Trotzdem ist dieses Buch nicht nur, weil es eine Kurzgeschichtensammlung und kein Roman ist, anders. Aus diesem Buch wird Selim Özdogan während der Lesungswoche von "Deutsch geht gut" vom 3. bis 6. Februar in allen beteiligten fünf Haupt-, Werkreal- und Realschulen Bietigheim-Bissingens sowie in den beiden öffentlichen Lesungen vortragen.

"Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist", sein erstes Buch, "Die Tochter des Schmieds", "Heimstraße 52" oder zuletzt "DZ" waren Werke, die sich auch mit Alltagssituationen von Türken in Deutschland befassen. Typische Themen für einen Schriftsteller halt, der in der Türkei 1971 geboren ist und mit seinen Eltern als Gastarbeiterfamilie nach Köln einwanderte. Und doch: Bei Selim Özdogan ist nichts typisch, und diesen Begriff, so erzählte er in einem Interview mit der Bietigheimer, Sachsenheimer und Bönnigheimer Zeitung, kann er auch so überhaupt nicht leiden. "An mir ist nichts typisch", sagte er, "ich hantiere nicht gerne mit diesem Begriff typisch, weil man schnell in Klischees abrutscht und es zu unzulässigen Verallgemeinerungen führt. Ich finde es wichtiger, auf Gemeinsamkeiten zu achten, anstatt immer wieder Unterschiede zu betonen und somit zur Abgrenzung beizutragen." Özdogans vierter Roman "Im Juli"(2000) basierte auf dem Drehbuch des gleichnamigen Kinofilms von Fatih Akin. Sein 2005 veröffentlichter Anatolienroman "Die Tochter des Schmieds" wiederum spielt eine Rolle in Akins 2007 erschienenem Film "Auf der anderen Seite". Aber auch wenn seine Bücher oder aber auch die Drehbücher zu Filmen von Fatih Akin Preise einheimsten für diese deutsch-türkische Gastarbeiterthematik, über diese Phase ist der Schriftsteller hinweg. Ihm geht es darum, Geschichten zu erzählen, Alltagssituationen zu beschreiben, Figuren darzustellen und deren Gefühle zu zeigen. In einer sehr bildhaften Sprache erzählt Selim Özdogan von den Schwierigkeiten in der Fremde, von Sehnsucht und Zerrissenheit und dem nicht immer glückenden Versuch, die Deutschen zu verstehen.

In "Der Klang der Blicke" bringt Özdogan das Leben auf den Punkt: Nur schmal ist der Grat zwischen Sonnen- und Schattenseite, zwischen denen, die alles erreichen wollen, und denen, die nichts mehr zu verlieren haben. Özdogan begleitet sie auf ihren Wegen: den Vater, der statt seiner Liebe auf den ersten Blick die Frau seines Lebens heiratet. Den Lehrer, der freitagmittags doch eigentlich nur nach Hause will. Und die Jungen unter der Laterne, die den ersten Schluck jeder Flasche immer auf den Boden gießen, obwohl eigentlich keiner weiß warum.

Ist der Türke bürgerlich geworden, fragt man sich? Özdogan wohnt in Köln-Ehrenfeld, ein gut-bürgerliches Viertel, sagt von sich, dass er ein begeisterter Yogi ist - sehr bürgerlich. Und dieser Kurzgeschichtenband geht oberflächlich betrachtet auch ganz weg von den Migrantenthemen. Ja, er ist bürgerlich geworden, denn er ist einer von uns. Ein Schriftsteller mit dem tiefen Blick, der die multikulturelle Gesellschaft auf ihre Details hin durchsucht und entlarvt - wie es einem kritischen Schriftsteller gebührt.

Und doch: Was dabei entsteht, sind Geschichten, deren Rhythmus und Klang den Leser tragen wie eine Melodie. Und diese Fähigkeit ist orientalisch, ist so typisch Özdogan, der gar nicht typisch sein will, aber es in seiner Kunst ist. Es sind Geschichten von Menschen, die nach festem Grund unter ihren Füßen suchen, von Liebenden, die der Wahrheit hinter der Poesie nachspüren, von der Angst vor dem Tod und der Sehnsucht nach ihm, vom Leben im Takt der Musik und von Tagen im Paradies.

"Was ich weiß ist, dass mein Name dazu führt, dass ich immer wieder Anfragen bekomme für Texte, die von Migration handeln sollen, von Integration und Parallelgesellschaft und all dem. Auch Einladungen zu Veranstaltungen zu diesem Themenkomplex sind häufig, wobei nicht zu interessieren scheint, dass ich kein Experte bin", sagt Özdogan zu dem Vorurteil, türkisch-deutsche Schriftsteller schreiben, weil sie an ihrer Migration leiden. Nein, Selim Özdogan schreibt über das Fremde an sich, das Unbekannte, denn er ist kein politischer Autor. "Die Welt ist eine Fremde. Bei den Seinen zu sein, lenkt nur von dieser Tatsache ab", schreibt er in einem seiner Texte und generalisiert so das Thema. Bei ihm ist es die Suche nach der inneren Heimat.

"Das Traumland muss unbetretbar bleiben, damit es Weite hat. Es muss im Kopf sein, weil es Realitäten nicht standhalten könnte und die menschliche Fantasie mehr vermag als die Wirklichkeit zu bieten hat", sagt er. Özdogan tut das, was man von einem guten Schriftsteller erwartet: Er schreibt gute Geschichten. Das bewies er mit all seinen Büchern, dem ersten Kurzgeschichtenband "Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist" und auch seinem bisher letzten, "Der Klang der Blicke". Und das ist gut so, dass in Zeiten wie diesen der schriftstellerische Blick weg von der Dramatik der Ereignisse geht und Özdogan als geborener Türke einfach das ist, was er sich ausgesucht hat: Ein Schriftsteller, unabhängig von Religion, Glaube und Herkunft.

Info Selim Özdogan "Der Klang der Blicke", Haymon-Verlag, 22,90 Euro, auch als E-Book für 9,90 Euro erhältlich. Alle fünf Autoren des Projekts "Deutsch geht gut" lesen am Mittwoch, 4. Februar, 20 Uhr, in der Otto-Rombach-Bücherei und am Donnerstag, 5. Februar, 18 Uhr, in der Realschule im Aurain.

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