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Der König der Fallensteller

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Jeder anständige Kabarettist beleidigt sein Publikum. Das beherzigt Christoph Sieber am Freitagabend in der Bietigheimer Kelter, also „hier im Badischen“; nämlich „in Bissingen“. Noch ungezogener wäre es, würde der anständige Kabarettist nicht die Lehrer im Publikum beleidigen. Denn die arbeiten nach Ansicht des 47-Jährigen in Kaderschmieden der organisierten Verdummung. „Jeder Lehrer hat schon am ersten Schultag vor einer keifenden, rotzfrechen Menge zu bestehen – und das sind nur die Eltern.“ Sieber hat es den Schadenfreudigen sofort heimgezahlt: Nur Lehrer-Schelte ist ihm zu billig. Was danach passiert, ist ganz großes Kabarett: Keiner lacht mehr.

Von einer Sekunde auf die nächste wird alles still, weil Sieber von einer Sekunde auf die nächste in todernstes Starren fällt. In die Stille sticht er. „Das größte Talent in dieser Welt ist der Geldbeutel der Eltern.“

Sofort ist der Schalter wieder umgelegt: Blödeln über hochintelligente Putzfrauen ohne reiche Eltern, über brunzdumme Architekten mit reichen Eltern, die nichts in der Birne haben, aber einen Flughafen in Berlin bauen dürfen – oder halt einen Bahnhof in Stuttgart. Hahaha. Der sitzt. Mordsgelächter. Sieber erstarrt, wieder Stille im Saal. Und er sagt: „Eines dürfen wir nicht: die Kinder und die Lehrer allein lassen.“

Jeder gute Kabarettist beherrscht die Fallenstellerei. Aber jemanden, der in Gestik und Gedanken so variantenreich und vielschichtig wie Sieber seine Zuschauer an den Nasenringen durch die Arena führt, gibt es im deutschen Kabarett derzeit kein zweites Mal. Dass er den bedeutenden Deutschen Kleinkunstpreis trägt, dass er seine eigene Sendung im ZDF hat, das sind alles keine Unfälle.

Sieber ist keiner, der sein Publikum in der genialischen Brutalität eines Volker Pispers packt und schüttelt. Doch wenn er nüchtern festhält, dass die AfD die etablierten Parteien vor sich her treibt und damit heimlich längst am Ruder ist, und es außerdem viel zu spät ist, den Anfängen zu wehren, dann ist auch das brutal. Wenn er wie beiläufig die Armut der Vielen erwähnt, wird auch Siebers Kabarett zur Erweckungsmesse für enttäuschte Sozialdemokraten. Aber immer mal wieder macht er sich locker – und damit auch die 285 Zuschauer in der ausverkauften Kelter.

Die stilistische Farbenpracht rührt daher, dass der Bürgermeistersohn aus dem Schwarzwald rechtzeitig ausgebüxt ist und sich in Paris der Pantomime-Ausbildung verschrieben hat. So bewaffnet untermalt sein Körper seine Worte sehr effektiv, macht ihn ungeheuer ausdrucksstark. Außerdem: Er singt, er rappt, er tanzt – manchmal zuviel und überzeichnet. Weniger wäre mehr.

Doch wer ist der echte Chritoph Sieber? Sicher einer, der sich mit der Armut in der Welt oder mit dem Drama in Aleppo nicht abfinden will und auch nicht zu diesen „vom Zynismus zerfessenen“ Zeitgenossen gehören will, die demzufolge Unzerfressene gern als „Gutmenschen“ beschimpfen. Gutmenschen wie ihn. Sieber spendet Erlöse seiner DVD-Verkäufe, damit ein paar Flüchtlinge weniger ertrinken. Wäre es ein Widerspruch, würde er tatsächlich ein Luxusauto fahren, wie er in einer Nummer singt? Wie ernst meint er es mit dem Titel seines Programms „Hoffnungslos optimistisch“? Hat er etwa doch Hoffnung, dass die Welt besser wird? „Keine Ahnung“, sagt der Künstler, als alles endet. „Aber die einzige einleuchtende Antwort sind wir.“

Wer nach soviel Lachen nachdenkt, der denkt ernsthaft nach. Man meint es in manchen Gesichtern zu sehen, als die dazugehörigen Körper aus der Kelter treten – und direkt nach der Türschwelle einem Porsche ausweichen müssen, der sich durch die engen Gassen der Bietigheimer Altstadt drückt.

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