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Er will gar nicht in den Bundestag

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Der Linken-Kandidat Walter Kubach erklärt vor dem Frühstück im Bietigheimer „Henry’s“ die „Reise nach Prekäristan“. .  Foto: 

Eine Spielecke braucht Walter Kubach nicht. Zum BZ-Wahlfrühstück bringt der Mann aus Mundelsheim seine Playmobil-Figuren ins „Henry’s“ in der Bietigheimer Altstadt mit. Nach Spaß und Spiel ist dem Linken-Kandidat nicht zumute. Auf den Tisch, noch bevor sein deftiges Frühstück (Wurst, Käse, Spiegelei, Bratkartoffeln) vor ihm steht, baut er einen Mini-Stuhlkreis auf, und stellt drumherum die Playmobil-Figuren. Es sind mehr Figuren als Plätze. Die „Reise nach Jerusalem“ im Mini-Format. Kubach spricht von der „Reise nach Prekäristan“. Seine Botschaft: Für immer weniger Menschen sei ein zufriedenstellender Platz im Arbeitsleben zu finden. „Die Produktivität wird beständig steigen, es gibt weniger Jobs“.

Auch nach eineinhalb Stunden, nach zwei Kaffee und einem Grünen Tee, ist der 62-Jährige immer wieder zum Thema „Sozialabbau“ zurückgekehrt – und zu der „Reise nach Prekäristan“: Die Agenda 2010 unter SPD-Kanzler Gerhard Schröders habe die Sache verschlimmert.  Aus einem Mini-Stuhl auf dem Frühstückstisch, der einen guten Job symbolisiert, würden, zugespitzt, zwei schlechte Jobs. Kubach halbiert den Stuhl. „Wir haben Vollbeschäftigung, aber viele Leute können nicht von ihrer Arbeit leben“, sagt Kubach. Ein halbes Stühlchen symbolisiere nicht nur die schlechte Bezahlung, sondern den Niedergang des „gesamten Sozialmodells“.  Er spricht von Firmen, in denen die Stammbelegschaft systematisch abgebaut werde, damit kein Betriebsrat entstehe. „Wenn ich’s nicht am eigenen Leib erfahren hätte, wäre ich nicht bei den Linken“, sagt Kubach.

Der gelernte Starkstromelektriker war jahrzehntelang Betriebsrat bei einer Druckerfirma – und musste den Niedergang begleiten. Und den Stellenabbau. Danach war er selbst zwei Jahre arbeitslos. Eine persönliche Erkenntnis des Walter Kubach aus dieser Zeit: „Ich finde es schlimm, wenn man seinen Platz kampflos räumt.“ Und: „Man muss sich solidarisieren, dann erreicht man mehr.“ Viele Menschen jedoch haben davor Angst, sagt Kubach. „Seit es die Hartz-Gesetzte gibt, haben die Menschen viel mehr Angst, arm zu werden.“ Weil man als Arbeitsloser schneller arm werden könne, seien sie häufiger froh, überhaupt einen Job zu haben. „Das schadet der Kampfkraft“, sagt Kubach trocken.

Kubach sagt, er habe früher zumeist die Grünen oder die SPD gewählt. „Jetzt brauchen wir eine linke Kraft neben der SPD.“ Lange nach Schröders Kanzlerjahren erkennt er nun wieder zarte linke Blüten in der Partei. „Im Südwesten hat die SPD gemerkt, dass sie dem neoliberalen Kurs der Grünen und der CDU etwas entgegensetzen müssen.“ Dass die SPD in der Koalition mit der CDU den Mindestlohn durchgedrückt hat, derzeit beträgt er 8,84 Euro, beeindruckt Kubach kaum. Er plädiert für 12 Euro die Stunde.

Der Bundestagskandidat Kubach will gar nicht in den Bundestag.  Er steht nicht auf der Landesliste seiner Partei. „Die Linke hat in Baden-Württemberg bessere und erfahrenere Kandidaten. Und jüngere“, sagt er. Dass der Job eines Abgeordneten sehr viel Stress mit sich bringt, sei ihm bewusst: Kubach arbeitet im Bürgersbüro des Linken-Bundestags­abgeordneten Michael Schlecht in Stuttgart. Kubach hat den eigenen Jahreslohn auf seiner Hompepage (siehe Infobox) samt Bescheid vom Finanzamt veröffentlicht: 46 157 Euro.

Warum kandidiert Kubach? „Ich habe das Ziel, möglichst viele Zweitstimmen zu holen.“ Dass der Speckgürtel um Stuttgart herum ein wenig nahrhaftes Pflaster für die Linken ist, hat auch er bei den vergangenen Bundestagswahlen am eigenen Leib erfahren:  2013 erhielt Kubach 4,4 Prozent der Erststimmen, und 4,2 Prozent der Zweitstimmen. 2009 erreichte er 5,5 Prozent der Erststimmen (6,4 Prozent der Zweitstimmen).

Im Bund sollen es mehr als zehn Prozent werden, in Baden-Württemberg mehr als fünf Prozent. Anfang Juli stand die Linke im Südwesten laut dem Institut Infratest Dimap bei vier Prozent. Kubach muss also noch eine Weile weiter kämpfen.

Alter: 62 Jahre

Wohnort: Mundelsheim

Beruf: Sachbearbeiter

Hobbys: Computertechnik und Reparaturen an Elektronik und Elektrik.

Lieblingsfilm: „1984“. Bei der Betrachtung ist mir kürzlich eine ganz neue Erkenntnis gekommen. Wir leben in einer Überwachungswelt. Zur rein staatlichen Überwachung (wie in dem Film erzählt) kommt die privatwirtschaftliche Überwachung, die von vielen Menschen total unterschätzt wird.

Lieblingsbuch: Winfried Wolfs neuestes Buch: Stuttgart 21 (S21) und sein absehbares Scheitern. Weil der Rückbau des Schienenverkehrs durch das Immobilienprojekt S 21 darin bisher am umfangreichsten beschrieben wird.

Lieblingslied: Lieder der Gruppe Wanda.

www.bietigheim.die-linke-bw.de/tag/walter-kubach/

Was ist Ihr wichtigstes bundespolitisches Ziel? Die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung bei Arbeitsverträgen.

Wie wollen Sie dieses Ziel erreichen? Das geht nur in Verbindung mit einer Linke-Grünen-SPD-Regierung.

Zwei weitere zentrale bundespolitische Ziele? Zunächst die Zurückdrängung der prekären Beschäftigung: Das betrifft die Leiharbeit, aber auch Werksverträge, außerdem Mini-Jobs, Soloselbstständige sowie Ein-Euro-Jobs. Nur noch die Hälfte aller Arbeitnehmer fällt unter den Schutz eines Tarifvertrages. Vom Jahr 2000 aus gerechnet hinken deren Löhne um elf Prozent hinter der Produktivitätsentwicklung (Plus von 18 Prozent)  hinterher. Außerdem ist mir die Einführung der Millionärssteuer wichtig.

Warum soll man sie wählen? Überzeugung: Weil ich mit meiner Position all die Menschen anspreche, die davon leben, dass sie durch Hand- oder Kopfarbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Höhere Löhne sichert übrigens auch langfristig die Existenz von circa 20 Millionen Rentnerinnen und Rentnern.

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