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Brückenbau für Blinde

Im Kronenzentrum inszenierte das Stadttheater Fürth in Kooperation mit der Konzertdirektion Landgraf das Schauspiel "Licht im Dunkel". Dabei wurde das neu aufkeimende psychologische Verständnis im 19. Jahrhundert gezeigt.

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Helen Keller (Laja Sanmartin, Mitte) ist blind. Lehrerin Anne Sullivan (Birge Schade, rechts) bringt ihr das Fingeralphabet bei.  Foto: 

Das Fingeralphabet kann Blinden helfen, aus ihrem isolierten Leben zu finden. Am Schicksal von Helen Keller, einem blinden und taubstummen Mädchen aus US-amerikanischem guten Haus, zeigt das Stück "Licht im Dunkel", wie aus einem Menschen im eigenen Gefängnis tatsächlich eine Erfolgsautorin wird.

Sie schreien sich an, raufen sich übereinander kugelnd auf dem Boden und legen dabei gegenseitig ihre Grenzen fest: Helen Keller, alias Schauspielerin Laja Sanmartin, und ihre frisch ausgebildete Lehrerin Anne Sullivan alias Birge Schade, die sich nicht wie Helens Familienmitglieder buchstäblich von der Blinden die Butter vom Brot nehmen lässt. Die ehrgeizige neue Privatpädagogin für Helen bringt nicht nur das beste Abgangszeugnis ihres Jahrgangs mit. Sie war selbst blind und hat eine traurige elternlose Heimkindheit durchlebt.

In der Inszenierung im Kronenzentrum am Donnerstag gelang es der Truppe mit viel Gespür für den sensiblen Stoff, die einzelnen Phasen von Helens Entwicklung herauszumodellieren. Keiner im Publikum und keiner der Familienmitglieder im Stück hätte sich vorstellen können, dass das völlig unbeherrschte und aus Hilflosigkeit der Eltern verzogene Mädchen in der Lage ist, zu begreifen, wie das Fingeralphabet funktioniert und welche Möglichkeiten es als Zugang zur Außenwelt bietet.

Am Beispiel der selbstlosen Lehrerin Anne Sullivan bekommt der Begriff Empathie eine neue Dimension. Empathie heißt nicht, dem anderen möglichst Zucker vor die Nase zu halten und zu versuchen ihn zu beschwichtigen. Sie setzt mehr noch wirkliches Interesse am behinderten Menschen voraus - etwas, was im Stück Helens Familienmitglieder nicht mitbringen. Sie wird vom Bruder gekitzelt. Vater und Mutter darf sie beim Frühstück täglich neu das Essen im Gesicht verteilen. Das wars. Die farbige Kinderfrau bringt sie zu Bett.

Ein erster Zugang zur Außenwelt schenkt ihr eine Puppe, die ihr die neue Betreuerin mitbringt. Mit ihr beginnt für Helen ein neuer spannender Lebenslauf, in dem sie es schafft, die schwere Behinderung mit einem intellektuellen Dasein zu verbinden.

Eine oscarprämierte Verfilmung des Stoffes zeugt von seiner Relevanz, die auch immer wieder Ensembles wie das Stadttheater Fürth zu einer Inszenierung reizen. Im Stück greifen die Schauspieler markant wie Zahnräder ineinander. Helens Bruder weiß vor lauter Energie auf der elterlichen Residenz nicht wohin. Die Mutter, offensichtlich klug und versiert im Benehmen, überlässt das Sagen doch lieber dem Vater, wie es üblich war im 19. Jahrhundert. Dieser mimt den gönnerhaften Reichen mit viel Einfluss.

Was die Inszenierung aus der Feder von Broadway-Autor Gibson im Bietigheimer Kronenzentrum so sehenswert macht, ist nicht nur der Stoff.

Es ist auch die Begegnung mit erstklassigen individuellen Akteuren. Die Geschichte in ihrem Verlauf rührt sicher an manchen Stellen zu Tränen, immer dann, wenn Helen in ihrer Entwicklung wieder eine Schallmauer durchbricht.

Intendant Werner Müller schenkt ihr aber auch Witz und lässt die afrikanische Haushältern beim Tischdecken mal zwischen durch einen Guten-Morgen-Gospel schmettern, der die allgemeine Lage zumindest kurzfristig entspannt.

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