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Apotheker befürchten das Schlimmste

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Der Bietigheimer Apotheker Alois Sterr und seine Mitarbeiterin Monika Meeh im Labor.  Foto: 

Der EU-Gerichtshof hat am 19. Oktober 2016 die Arzneipreisbindung für ausländische Apotheken gekippt. Die BZ befragte Apotheker in Bietigheim und Umgebung, ob sie die Auswirkungen dieses Urteils bereits spüren, über das sich die Inhaberin der Enzapotheke im Zentrum von Bissingen regelrecht echauffieren kann. „Das ist eine Ungleichbehandlung“, sagt Dr. Martine Strobel ganz offen, denn die Onlineanbieter von Medikamenten wie beispielsweise DocMorris aus Holland könnten sich seitdem die lukrativsten Geschäftsfelder aussuchen und aufgrund ihrer großen Stückzahlen die Preis unterbieten. „Rosinenpickerei“ nennt das die Branche.

Dabei hielten sich die nicht mit aufwändigen Beratungen der Kundschaft auf, fragen bei Rezept-Unklarheiten auch nicht beim Arzt nach oder organisieren Notdienste für Sonn- oder Feiertage. „Die persönlichen Beratungsgespräche sind so dringend notwendig“, sagt Dr. Strobel, „und als unsere Extra-Leistungen gefährdet“.

Nach ihrer Einschätzung kommen täglich etwa 50 Prozent der Kunden mit speziellen Nachfragen in ihre Apotheke und werden von den vier voll ausgebildeten Apothekerinnen oder Pharmakologisch-Technischen Assistentinnen (PTA) beraten. Ihre Chefin befürchtet deshalb, dass die Apothekendichte in Deutschland weiter ausgedünnt wird und den Patienten weitere Wege drohen, wenn nicht politisch etwas geschieht.

Dr. Tillmann Wertz von der Bahnhof-Apotheke in Sachsenheim sieht das genauso. „Uns wird nach diesem Urteil das Preissystem um die Ohren fliegen“, mahnt er. Es sei denn, die Politik schiebe dem noch einen Riegel vor. Schließlich wissen er und seine Kollegen, dass Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe bereits einen Gesetzentwurf vorbereitet hat, der allerdings noch nicht vom Merkel-Kabinett verabschiedet wurde, weil sich die Koalitionspartner CDU/SPD noch nicht darüber einigen konnten. Dr. Wertz ist allerdings skeptisch, ob dies noch in dieser Legislaturperiode passieren kann. Er selbst sieht allein im Versandhandelsverbot eine Lösung.

Alois Sterr ist Inhaber von drei Apotheken im Kaufland, am Unteren Tor und beim Rathaus in  Bietigheim und bedauert ebenfalls das EU-Urteil. Weil es nämlich, wie er sagt, vor allem ausländischen Anbietern von Arzneien einen Wettbewerbsvorteil verschaffe. Denn deutsche Apotheken müssten sich nach wie vor an der Preisbindung orientieren. „Dies wird zunehmend ein Problem für die kleineren Landapotheken sein und sie werden auch am meisten darunter leiden“, prophezeit er, „aber am Ende wird es auch die Bevölkerung treffen“.

Auch Sterr weist auf den hohen Bedarf an Kundenberatung in Apotheken hin, den Versandhändler nicht leisten würden. Extra-Rezepturen in speziellen Fällen für Kranke oder auch Babys könnten solche Anbieter ebenfalls nicht anbieten. Dazu seien jedoch deutsche Apotheker jederzeit in der Lage und solche Leistungen würden auch regelmäßig nachgefragt.

Die deutsche Preisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente verstößt nach Auffassung des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg gegen EU-Recht, weil er den freien Warenverkehr zwischen den EU-Ländern beeinträchtige. Das Urteil vom 19. Oktober 2016 war der Freibrief für die Online-Anbieter, sich stärker zu positionieren, denn bis dahin betrug ihr Marktanteil lediglich drei Prozent, der im verschreibungspflichtigen Bereich sogar nur 1,6 Prozent.

In den vergangenen zehn Jahren wurden 250 Apotheken in Deutschland geschlossen, darunter 33 in Stuttgart, neun im Kreis Böblingen, aber nur zwei im Kreis Ludwigsburg (hier gibt es 105 öffentliche Apotheken). Als Faustregel gilt: Pro 4000 Einwohner eine Apotheke – im Kreis leben gut 530 000 Einwohner. nick

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