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"Schund- und Schmutzliteratur"

Vor 50 Jahren hat der Stadtjugendring Bietigheim sogenannte "Schund- und Schmutzliteratur" öffentlich verbrannt. Vorsitzender des Stadtjugendrings war der spätere Ministerpräsident Lothar Späth.

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3. April 1965: Bei der Sporthalle am Viadukt wurden die "Schundhefte" öffentlich verbrannt.  Foto: 

Heute kaum vorstellbar, erst recht vor dem Hintergrund der Bücherverbrennungen 1933 durch die Nationalsozialisten: Vor 50 Jahren startete der Bietigheimer Stadtjugendring eine Aktion gegen "Schund- und Schmutzliteratur". Als "schwarze Seuche" verstanden die Aktivisten billige Groschenlektüre und vor allem Comics. Das Wohl des Nachwuchses sah der Stadtjugendring dadurch aufs Heftigste bedroht, wie der Enz- und Metterbote festhielt.

Durch die Comic-Strips würden "niedrigste Triebe geweckt, Wildwesthefte und andere einschlägige Literatur setzen das Werk der systematischen Zerstörung kindlicher Psyche fort", so die Argumentation. Außerdem war zu lesen: "Die Seuche wird zu billigen Preisen (20, 50, 80 Pfennige) und in großen Massen auf den Markt geschleudert."

Ein scheinbar unerträglicher Zustand für den Stadtjugendring. Kurzerhand organisierte er die Umtauschaktion "Schundliteratur gegen gute Bücher". Vom 15. März bis zum 3. April 1965 konnten die Jugendlichen ihre "Schundhefte" täglich zwischen 16 und 18 Uhr im evangelischen Gemeindehaus abgeben. Als Belohnung gab es Gutscheine, die sie gegen sogenannte "gute Jugendliteratur ganz nach freier Wahl" in den Buchhandlungen und Papiergeschäften eintauschen konnten. Die hiesigen Buchhandlungen unterstützten die Aktion und warben dafür mit eigens angefertigten Schaufensterauslagen.

Mit dem Slogan "Nicht verbieten, besseres bieten" sollte den Jugendlichen die Ablieferung der Comics und das gute Jugendbuch schmackhaft gemacht werden. Mit einem Eltern- und Erzieherabend im Musiksaal des damaligen Aurain-Gymnasiums startete am 12. März die Aktion. Allerdings war, wie der Enz- und Metterbote am 15. März 1965 berichtete, die Resonanz für den Stadtjugendring und dessen damaligem Vorsitzenden Lothar Späth schlichtweg enttäuschend. Späth konnte an dieser Veranstaltung wegen anderweitiger Verpflichtungen nicht teilnehmen, hieß es. Ähnlich erging es wohl auch den meisten Eltern, die der Veranstaltung ebenfalls fern blieben.

Trotzdem machte der Stadtjugendring unverdrossen und publikumswirksam auf die angeblichen Folgen der Groschenliteratur aufmerksam: "Vergewaltigungen, Mord und Totschlag!" - diese Gefahren wurden durch Vorträge und eine Ton-Bild-Schau veranschaulicht.

Am 27. März berichtete der Stadtjugendring, dass die Umtauschaktion recht gut angelaufen sei. Bis dahin wurden bereits über 4000 Exemplare der "sittenverderbenden und verrohenden Lektüre" abgeliefert. Den Rekord stellte damals ein Junge auf, der gleich 280 Groschenhefte eintauschte.

Am 3. April 1965 endete die Aktion: Bei der Sporthalle am Viadukt wurden die "Schundhefte" öffentlich verbrannt. "Ein makaber anmutendes Bild", hieß es damals im Enz- und Metterboten.

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