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„Fürchtet euch nicht“

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Ulrich Eberl im Februar beim Tag der offenen Tür im Bietigheimer Berufsschulzentrum mit Roboter Nao 3561.  Foto: 

So gründlich und zugleich so schnell hat der technische Fortschritt das Leben der Menschen noch nie verändert: Computer und Sensoren können heutzutage, was den meisten Bürgern vor wenigen Jahren unmöglich schien: Sie steuern Autos, sie vernetzen Haushalte, sie wirken kreativ. Der Physiker und Technikjournalist Ulrich Eberl hält zu diesem Thema  am Montag, 16. Oktober, den Auftaktvortrag der Akademietage im Bietigheimer Kronenzentrum. Ein Gespräch mit dem Experten über das, was die Zukunft bringt.

Herr Dr. Eberl, wenn Sie in die Zukunft blicken, die uns die neue Technik bietet, verspüren Sie Angst oder Optimismus?

Ulrich Eberl: Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich denke, wir Menschen können mit der Zukunft umgehen. Nicht zuletzt, weil wir sie erfinden. Aber ich bin auch Realist. Es gibt Schattenseiten.

Welche Gefahren sehen Sie?

Es wäre schön, wenn wir zuerst über Chancen reden könnten. Die hängen eng mit den großen Umwälzungen zusammen, die die Menschheit angehen muss.

Bitte.

Eine zentrale Aufgabe ist, dass wir aufhören, unser Erbe zu verbrennen. Die Menschheit verfeuert pro Jahr so viel Öl, Kohle und Gas, wie in einer Million Jahre entstanden ist. Wir müssen also die Energiewende schaffen. Dazu brauchen wir nicht nur Solar-, Wind- und Biomasse-Kraftwerke, sondern auch ein neues Stromnetz, eine Art Internet der Energie. Und intelligente Speichertechnik. Technik ist hier ein gutes Hilfsmittel, diese Herausforderung anzugehen. Das gleiche gilt für den demografischen Wandel.

Sie zielen auf Maschinen ab, die das Leben im Alter erleichtern?

Natürlich. Die Zahl der Menschen, die älter als 65 Jahre sind, wird sich bis 2050 auf 1,5 Milliarden verdreifachen. Dafür wird das autonome Fahren immer notwendiger. Auch 80- oder 90-Jährige wären gerne noch mobil, aber die wenigsten fahren selbst. Ähnlich hilfreich könnte das intelligente Heim, das „Smart Home“, sein. Ich denke da etwa an Maschinen, die Fenster putzen, Staub saugen, oder in der Küche helfen.

Diese Möglichkeiten werden aktuell erstmals für uns Konsumenten begreiflich. Man hat das Gefühl, dass derzeit mehr passiert, als in den Jahren, in denen der Computer zur Massenware geworden ist. Hat die Revolution gerade erst begonnen?

Jetzt wird alles so richtig akut. Viele Innovationen wie der PC waren schon eine Revolution, aber keine, die unseren innersten Kern – die menschliche Intelligenz – angegangen ist. Bei künstlicher Intelligenz ist in den letzten fünf Jahren mehr passiert als in den 50 Jahren zuvor.

Warum jetzt? Schneller als Menschen rechnen können Computer seit Jahrzehnten.

Richtig, heutige Smartphones können so schnell rechnen wie die besten Supercomputer vor 20 Jahren – und so geht es weiter: Bis 2040 werden wir noch eine Vertausendfachung der Rechenleistung erleben. Doch auch die Software ist raffinierter geworden. Maschinen lernen nach dem Vorbild unseres Gehirns – sie können sprechen und zuhören, Bilder erkennen und Texte lesen. Dazu nutzen sie die Milliarden Daten im Internet als Lernbeispiele. So wird etwa Google durch jede Suchanfrage immer besser.

Wann sind Computer intelligenter als Menschen?

Es kommt auf die Form der Intelligenz an. Ich denke, dass Computer in den nächsten zehn Jahren durchaus in der Lage sein könnten, Menschen in einem klassischen IQ-Test mit räumlichem Verstehen, Textaufgaben oder logischem Denken zu übertreffen.

In welchen Bereichen der Intelligenz werden Computer uns in den nächsten zehn Jahren nicht übertreffen?

Zum Beispiel bei der emotionalen Intelligenz, auf dem Feld der Gefühle und der Intuition. Darin, wie man mit anderen Menschen umgeht, Kompromisse schließt. Aber auch beim Feld der Allgemein-Intelligenz: Mit dem Wissen, das wir über die Welt in uns tragen, das wir in der Alltagssprache verwenden, können Maschinen nicht einfach aufwarten.

Unterschätzen Sie die Maschinen damit nicht? Nehmen Sie das Beispiel des Übersetzens: Noch vor wenigen Jahren waren automatische Übersetzungen, etwa bei Google, grottenschlecht. Mittlerweile kann der englische Text in eine Art Zwischensprache übersetzt werden, die auf sinnvolle Verknüpfungen untersucht wird – und dann in ein recht passables Deutsch übertragen wird.

Ich unterschätze Maschinen sicher nicht. Versuchen Sie das Gleiche mal mit dem Text eines komplexeren Romans oder mit einem Liedtext von Grönemeyer. Das wird so schnell nicht gut gelingen. Aber es stimmt schon: Maschinen werden sehr viel besser, weil sie an Beispielen lernen, die das Internet hergibt. Dennoch: Um Probleme zu lösen, die gesunden Menschenverstand erfordern, müssten uns Maschinen im Alltag begleiten – sozusagen wie kleine Kinder von uns lernen.

Kann eine Maschine Menschen zum Weinen bringen? Also, indem sie emotional berührt, nicht, indem sie wehtut?

Roboter können schon sehr gut Emotionen erkennen. Unsere Gesichter transportieren über die Mimik ja Basisemotionen wie Wut, Freude oder Überraschung sehr deutlich. Doch nicht nur das Erkennen von Gefühlen klappt, auch das Simulieren.

Kennen Sie weinende Roboter?

Ich habe Roboter gesehen, die werden rot. Die simulieren Schüchternheit, drehen den Kopf weg, schlagen die Augen nieder. Aber sie empfinden nicht.

Heißt das, Computer werden auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein, großartige Texte oder raffinierte Musik zu erschaffen?

In Anfängen gibt es das schon. Es gibt Computer, denen können Sie ein Foto zeigen und die malen auf dieser Basis ein Bild, das sieht aus wie ein Gemälde von Vincent van Gogh. Manche der Bilder im Stil eines großen Künstlers sind richtig gut. Das gilt übrigens auch fürs Komponieren. Es gibt Computer, die schreiben Stücke, bei denen Sie sich an Johann Sebastian Bach erinnert fühlen. Aber es ist kein eigener kreativer Akt, ein neuer van Gogh oder Bach entsteht dadurch nicht.

 Was fehlt dem Computer zum Genie?

Da müssten Sie ja fragen, was ein Mensch können müsste, um ein neuer Bach zu werden. Wie ein Künstler entsteht, der einen neuen Stil entwickelt, kann Ihnen keiner beantworten. Was ich mir vorstellen kann, ist ein kleinerer Schritt zur Kreativität: Die Kombination von alten Stilen. Diese Kombination von etwas Altem kann so gut sein, dass man dann sagen würde. Das ist was total Neues.

 Ein Computer wird also Kunst nachmachen können, wird aber nicht zu einem Künstler?

Ja. In ganz speziellen Fällen werden aber auch heute schon Maschinen von uns als kreativ wahrgenommen. Ein Beispiel: Der Rechner, der den Weltmeister im Brettspiel „Go“ besiegte. Die Art, wie er spielte, empfanden Beobachter als kreativ und innovativ. Der Rechner hatte 150 000 „Go“-Partien analysiert und dann einen eigenen Stil entwickelt: Fachleute sagten, er spielte Züge, die man bei Menschen noch nie gesehen hat.

 Und das macht Ihnen keine Angst?

Auf lange Sicht werden smarte Maschinen noch Fachidioten sein, erstklassig auf bestimmten Feldern, aber ohne Allgemein-Intelligenz. Wir sollten die Technik immer als Hilfsmittel sehen. Früher haben die Maschinen den Menschen schwere Arbeit abgenommen, in Fabriken, auf Äckern oder indem sie als Kräne schwere Lasten trugen. Und jetzt geht es darum, dass sie uns auch geistig ermüdende Routinejobs abnehmen.

Zum Beispiel?

Als Rechercheassistent, der schnell und zuverlässig große Datenbanken oder das Internet nach einer Fragestellung durchforstet. Im ständigen Dialog mit dem Menschen, der ihm sagt, was er tun soll. Das ist für Ärzte ebenso hilfreich wie für Bankberater oder Journalisten. Ein solcher Computer wird zwar nie eine tolle Reportage schreiben, aber er kann gute Zusammenfassungen erstellen.

Welche Berufe überleben  die Revolution?

Der Mensch wird weiterhin als Lenker und Denker gebraucht, als jemand, der plant, steuert und die Qualität überprüft. Außerdem für alle kreativen Aufgaben, zu denen ich auch das Handwerk zählen würde. Kreative Handarbeiten, etwa Schmuckdesign, übernimmt so schnell keine Maschine. Etwas grundlegend Neues entwickeln, das können auf absehbare Zeit nur Menschen.

Sie haben vorhin künftigen Computern soziale Intelligenz abgesprochen, auch, wenn man so will, den gesunden Menschenverstand. Müssen sich also Lehrer keine Sorgen machen, dass sie überflüssig werden?

Soziale Berufe haben Zukunft. Lehrer, Trainer, Manager, Sozialpädagogen und Pflegekräfte werden auch weiterhin Menschen sein, ebenso Ein- und Verkäufer, Marketingexperten – überall, wo die Sozialkompetenz entscheidend ist.

Das bedeutet: Computer oder Maschinen werden diese Aufgaben nur unterstützen?

Genau so ist es. Es werden weniger Arbeitsplätze wegfallen, als oft befürchtet wird, aber alle Jobs werden sich massiv verändern. Darauf müssen wir uns einstellen – vor allem in der Aus- und Weiterbildung.

Werden wir uns auch im Privaten daran gewöhnen, den Datenschutz unserer Bequemlichkeit zu opfern? Denn um uns das Leben zu erleichtern, verknüpfen Maschinen Daten, die wir im Internet hinterlassen haben.

Zunächst ist es ein Fakt, dass viele junge Leute heutzutage anders mit Datenschutz umgehen als früher. Nehmen Sie den breiten Widerstand in Deutschland gegen die Volkszählung in den 1980er-Jahren. Heute stellen manche Menschen ihre Tagesabläufe ungefragt auf Facebook ein. Insofern ändert sich das, was man als Privatsphäre versteht.

Aber?

Aber wir sollten nicht zu viele persönliche Daten einfach so öffentlich machen. Das muss auch nicht sein. Schließlich gibt es Filter, Verschlüsselungen, Authentifizierungen – Daten sollten nur in eng begrenzten Räumen und für klar definierte Zwecke verarbeitet werden. Ich denke auch, dass man im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ganz klare Regeln aufstellen muss, was Maschinen dürfen und was nicht. Zum Beispiel dürfen sie niemals lebenswichtige Entscheidungen treffen. Sicherheit, Datenschutz und Privatsphäre sind zentrale Zukunftsfelder.

Fakt aber ist doch, dass es diese Regeln nur in Ansätzen gibt. Die Fähigkeiten der Technik, die Masse an Daten, alles wächst rasant, wie in Lichtgeschwindigkeit. Die Politik macht höchstens Trippelschritte.

Deshalb halte ich ja meine Vorträge. Das ist genau der Grund, aufklärerisch tätig zu werden. Für mein Buch „Smarte Maschinen – wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändert“ habe ich weltweit recherchiert, in Japan, den USA und Europa. Ich bin dorthin, wo die Technik am weitesten fortgeschritten ist. Ich will den Leuten klarmachen, dass da weit mehr auf uns zukommt, als wir ahnen: ein Umbruch, wie es ihn seit der Industriellen Revolution nicht mehr gegeben hat.

Was sagen Sie Geschäftsführern deutscher Unternehmen?

Denen geht es wie vielen Privatleuten. Die wissen oft nicht, wie dramatisch sich ihr Arbeiten verändern wird, ihre Produkte, ihre Geschäftsprozesse und sogar ihre Firmenkultur. Ich versuche klarzumachen: Leute, ihr müsst euch darum kümmern. Es gibt viele Chancen, aber in manchen Gebieten sind wir technisch hinterher, zum Beispiel bei „Business-to-Consumer-Geschäften“, also zwischen Firmen und Privatleuten.

Sie meinen vor allem den Online-Verkauf?

Ja, denken Sie nur an Amazon, aber auch an die Hersteller von Smartphones oder die Geschäfte von Google, Facebook, Twitter und so weiter.

Wo sieht es für deutsche Firmen besser aus?

Auf dem Feld der Industrie 4.0, der digitalen Fabrik, sind wir Deutschen führend.

Keiner hat so gut die Zeichen der Zeit erkannt, wenn es um digital gesteuerte und vernetzte Produktion in Werkshallen geht?

Da sind wir Deutschen wirklich gut, übrigens auch beim Thema Mobilität. Mehr als die Hälfte der weltweit angemeldeten Patente auf dem Feld des autonomen Fahrens, ohne menschlichen Fahrer also, entfallen auf deutsche Firmen. Die meisten Patente hat Bosch, nicht Google.

Also: Fürchtet euch nicht?

Fürchtet euch nicht, aber seid wachsam.

Ulrich Eberl, Jahrgang 1962, ist promovierter Physiker. Er arbeitete bei Daimler in Stuttgart und hat 20 Jahre bei Siemens die Kommunikation über Forschung und Zukunftstrends geleitet.  Seit 2016 ist er selbstständiger Wissenschafts- und Technikjournalist sowie Autor der Bücher „Zukunft 2050“ und „Smarte Maschinen – wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändert“.

Die Akademietage in Bietigheim-Bissingen werden veranstaltet von der Stadtverwaltung, vom örtlichen Dachverband für Seniorenarbeit sowie der Schiller-Volkshochschule des Landkreises Ludwigsburg. Unterstützt werden die Akademietage von der Bietigheimer Zeitung. Das Motto der 11. Auflage lautet „Zukunftsvisionen – auf der Suche nach einer besseren Welt“. Eberls Eröffnungsvortrag findet am Montag, 16. Oktober, 19.30 Uhr, im Kronenzentrum statt. Der Eintritt ist kostenfrei. Auch die Akademietage am Dienstag und Mittwoch, 7. und 8. November, finden im Kronenzentrum statt. Die Teilnahmegebühr beträgt 50 Euro, ermäßigt 40 Euro. Anmelden kann man sich bei der Schiller-VHS, Kursnummer: 17B 108 106, E-Mail info@schiller-vhs.de, Telefon (07141) 144-26 66, Fax 07141 144-5 97 11.

www.schiller-vhs.de

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