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„Es war die richtige Entscheidung“

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Mit dieser Aktion protestierten Befürworter einer Fusion zwischen Bissingen und Bietigheim in den 70er-Jahren für den Zusammenschluss.  Foto: 

Was heute selbstverständlich ist, war lange Zeit umstritten. Bietigheim und Bissingen waren sich vor ihrer Fusion am 1. Januar 1975 keineswegs grün. Heftige Geburtswehen waren der Bildung der Gesamtstadt vorausgegangen.

Der Wunsch, die beiden Gemeinden zusammenzuschließen, war bereits Anfang des 20. Jahrhunderts aufgekommen. Die Initiative ging dabei von Bietigheim aus, doch die Bissinger verhielten sich abweisend. So berichten die Quellen von einer gescheiterten Offerte aus dem Jahr 1911.

In den 30er-Jahren kam das Thema erneut auf die Tagesordnung, nachdem Bietigheim im Mai 1930 die Eingemeindung von Metterzimmern offiziell besiegeln konnte. So wurde im September 1933 die Idee einer Fusion mit Bissingen wieder aufgewärmt – doch vergeblich. Nach dem Krieg  konnte Bissingen sogar selbst eine kleine Gemeinde „schlucken“: 1953 wurde Untermberg eingemeindet.

Doch die „normative Kraft des Faktischen“ arbeitete gegen die Bissinger Unabhängigkeitsbestrebungen. Wie der Oberbürgermeister Manfred List 1995 bei der Feier des 20-jährigen Bestehens der Gesamtstadt rückblickend feststellte, wuchsen die beiden Kommunen durch die erhebliche Flächenentwicklung in den Jahren nach dem Krieg so aufeinander zu, „dass ein Ortsfremder den Übergang von der einen zur anderen nur schwer erkennen“ konnte. Auch die wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen seien eng gewesen. Allerdings: „Trotz dieser vielen Gemeinsamkeiten war die Liebe zwischen Bietigheimern und Bissingern nicht besonders groß“, musste List konstatieren.

Das zeigte sich auch, als die Landesregierung im Zuge ihrer Gemeindereform eine Eingemeindung wieder aufs Tapet brachte. 1971 lehnten in einer Abstimmung 74 Prozent der Bissinger dieses Ansinnen ab. Bissingen war dank großer Industrieansiedlungen inzwischen eine wohlhabende Gemeinde, und es machte das geflügelte Wort die Runde, dass der große Bräutigam Bietigheim die reiche Braut  Bissingen schnappen wollte. Auch ein erneuter Anlauf 1974 verlief zunächst im Sande: Eine Anhörung der Bevölkerung ergab in Bietigheim ein eindeutiges Ja, in Bissingen erneut ein Nein. Die Bissinger demonstrierten für ihre Selbstständigkeit und verteilten Flugblätter. Umgekehrt errichteten Anhänger des Zusammenschlusses einen Schlagbaum zwischen Bietigheim und  Bissingen und machten so gegen die aus ihrer Sicht „kleinkarierte Selbstständigkeit“ Front.

Nach einem Verhandlungsmarathon, bei dem Lothar Späth, damals örtlicher Landtagsabgeordneter und CDU-Fraktionschef im Landtag, sein Verhandlungsgeschick für eine Fusion spielen ließ, kam dann doch noch der Durchbruch: Die Gemeinderäte beider Kommunen einigten sich auf einen freiwilligen Zusammenschluss. „Wir wollen gemeinsam mit Bietigheim eine fruchtbare, aktive Gemeinschaft bilden“, erklärte Hermann Silcher, der letzte Bissinger Bürgermeister, anlässlich des Zusammenschlusses. Rückblickend sagte der in diesem Jahr verstorbene Silcher 2016 im Gespräch mit der BZ zur Vereinigung beider Orte: „Es ist gut geworden.“ Auch wenn er keinen Hehl daraus machte, dass ihm die von oben auferlegte  Fusion mit der Nachbarstadt zunächst überhaupt nicht gepasst hatte, wie auch vielen anderen Bissingern.

Zwei Fraktionschefs

Auch Hermann Eppler aus Bissingen, der heute für die CDU im Gemeinderat sitzt, kann sich noch an die Auseinandersetzung um die Eingemeindung erinnern, die er als Achtjähriger erlebte. Damals habe es Buttons mit der Aufschrift „Bissingen sagt Nein“ gegeben. Aus heutiger Sicht müsse man aber sagen: „Es war die richtige Entscheidung.“

An die Bissinger Eigenständigkeit erinnern heute noch das Rathaus, in dem regelmäßig der Technische Ausschuss tagt, oder die Tatsache, dass es eine eigene Feuerwehrabteilung gibt. Zahlreiche Vereine sind auf den Stadtteil bezogen, wie die Chorvereinigung Bissingen, der Musikverein Bissingen, der FSV 08 Bissingen, die Sportvereinigung Bissingen, der Skiclub Bissingen oder der Schützenverein Bissingen, um einige zu nennen.

Was die politische Vertretung betrifft, so weist Hermann Eppler darauf hin, dass die Gemeinderäte aus dem Stadtteil über die Fraktionsgrenzen hinweg miteinander kommunizierten. Etwa wenn es um Dinge wie das Liederkranzhaus oder das Hallenbad gehe. Mit Volker Müller (SPD) und Ute Epple (Freie Wähler) stellten die Bürgervertreter aus Bissingen zwei Fraktionsvorsitzende, hinzu kämen eine Reihe weiterer Räte. Insofern sei es um die Bissinger Belange heute in der Gesamtstadt nicht schlecht bestellt, meint Hermann Eppler.

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Bietigheim-Bissingen

Einwohner: 42968 (31. Dez. 2015)
PLZ: 74321
Regierungsbezirk: Stuttgart
Höhe: 211 m ü. NHN
Oberbürgermeister Jürgen Kessing (SPD)

www.bietigheim-bissingen.de/

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