Partner der

"Es ist immer wieder ein Kampf"

Roland Deckwart (61) katholischer Pfarrer in Bietigheim-Bissingen und stellvertretender Dekan ist das, was man einen "Spätberufenen" nennt. Mit der BZ sprach er über Verzicht, Enthaltsamkeit und Zölibat.

GABRIELE SZCZEGULSKI |

Herr Deckwart, als Sie sich für das katholische Priesteramt entschieden haben, wussten Sie, dass Sie zölibatär leben müssen. Wie schwer fiel Ihnen die Entscheidung?

ROLAND DECKWART: Eine Entscheidung zu treffen, ist immer schwer. Vor allem, wenn man sich für einen Weg, der einen großen Verzicht beinhaltet, entscheidet. Aber das Leben ist immer eine Entscheidung und in der Folge muss man auf etwas verzichten. Die Frage ist nur, worauf kann und will ich verzichten. Ich kann nicht alles haben.

Sie lebten zuerst ein weltliches Leben, lernten einen Beruf, waren bei der Bundeswehr. Wann trafen Sie die Entscheidung, katholischer Priester zu werden?

DECKWART: Ich hatte schon immer eine enge Verbindung zur katholischen Kirche, war Ministrant, Messdiener, Mesner, leitete die Katholische Jugend (KJG). Aber bewusst dachte ich als junger Mensch nicht darüber nach, Pfarrer zu werden. Erst als ich nach der Lehre meine Wehrpflicht bei der Bundeswehr absolvierte, kam immer öfter die Frage nach dem Sinn des Lebens auf. Die Sinnsuche ging dann weiter, als ich wieder in den Beruf zurückkehrte. Ich wollte kein Mensch sein, der sich am Montag darauf freut, dass endlich Freitag ist. Ich dachte zuerst mal gar nicht an den Zölibat, ich überlegte, wie ich ein geglücktes Leben führen kann. Das ist das Ziel jeden christlichen Lebens. Ich wollte mein Leben in den Dienst Gottes und der Menschen stellen. Darin fand ich Sinn. Das ist mir wichtiger als Sexualität und Ehe.

War diese Entscheidung ein Kampf?

DECKWART: Das ist es immer wieder. Ich hatte die Entscheidung, dass ich das Abitur nachmache und dann Theologie studiere, schon getroffen, da verliebte ich mich. Das hat mich schon gebeutelt, aber ich entschied dann umso eindeutiger. Der Kampf mit sich und der Zweifel gehören aber zum Menschsein dazu. Da muss man immer wieder ehrlich mit sich sein.

Was tun sie, wenn Sie diese Zweifel überkommen?

DECKWART: Nun es heißt ja "Ehelosigkeit des Himmelsreiches wegen" und Paulus sagte, "Wer es fassen kann, der fasse es", das heißt, jeder muss für sich entscheiden, kann ich wirklich zölibatär leben? Das bedeutet, ohne Sexualität und Intimität zu einer Frau, nicht ohne Beziehungen zu anderen Menschen. Der Mensch ist auf Beziehungen angelegt, deshalb ist es wichtig, dass auch Priester Freunde haben oder Kollegen, mit denen sie reden können, ihre Zweifel kundtun.

Sind Sie der Meinung, dass ein Priester nur wenn er zölibatär lebt, ein besserer Priester ist?

DECKWART: Nein, das glaube ich nicht. Es ist meiner Meinung nach nicht zwingenderweise notwendig. Aber darüber streiten sich die Theologen, ich habe darüber nicht zu entscheiden. Ich habe mich dafür entschieden, dass ich es kann und will und dass mich dafür der Beruf des Priesters mit Glück und Sinn erfüllt. Vielleicht ist es das, was man Berufung nennt?

Und was ist mit den körperlichen Bedürfnissen? Leiden Sie darunter?

DECKWART: Als junger Mensch macht der Verzicht auf Sexualität einem mehr aus. Heute ist es leichter. Mehr fehlt einem oft ein Mensch, der da ist, wenn man nach Hause kommt. Aber viele Leute müssen das Alleinsein bekämpfen. Auf der anderen Seite denke ich heute, ich kann keiner Partnerin mein Leben antun. Ich bin fast keinen Abend zu Hause, muss oft noch weg. Meinen Beruf liebe ich, er beglückt mich, dafür bin ich bereit auf Zweisamkeit und Sexualität zu verzichten. Das tun aber glaube ich, inzwischen viele Menschen, die sich für das Singledasein entscheiden, bewusst alleine bleiben und auch auf Sex verzichten und glücklich sind, wenn es eine bewusste Entscheidung ist. Aber: Der Mensch braucht Beziehungen, es ist wichtig, dass auch ein Pfarrer Freundschaften pflegt. Er lebt ja nicht außerhalb dieser Welt. Ein Einzelkämpfer wird als Pfarrer scheitern. Ich für mich kann nicht auf die Beziehung zu Menschen verzichten, aber auf Sexualität schon. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Und man muss immer wieder geistig Kräfte tanken.

Herr Deckwart, danke für das Gespräch.

Zur Person vom 11. Februar 2016

Roland Deckwart (61 Jahre) ist Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Bietigheim-Bissingen und stellvertretender Dekan des katholischen Dekanats Ludwigsburg. Geboren und aufgewachsen in Stuttgart hat er nach einer Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Einzelhandel und Ableistung des Grundwehrdienstes das Abitur am Collegium Ambrosianum in Stuttgart gemacht. Es folgten ein Theologiestudium in Tübingen und Wien.

Bisherige Stationen Diakon in Horb am Neckar, 1989 Priesterweihe in Neresheim, Vikar in Rottweil und Mühlacker, 1993 bis 2004 Pfarrer in Ehingen/Donau, 1997 bis 2004 Dekan des Dekanates Ehingen, seit 2004 Pfarrer in Bietigheim-Bissingen. Deckwart ist bereits seit fast neun Jahren stellvertretender Dekan.

SZ

DER ZÖLIBAT

Bedeutung Der Zölibat beruht auf der frei gewählten Lebensform der Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen", von der Jesus Christus in der Bibel spricht. In der katholischen Kirche ist der Zölibat gemäß im Codex Iuris Canonici für angehende Priester mit der Weihe zum Diakon kirchenrechtlich grundsätzlich verpflichtend. Die Zölibatsverpflichtung gibt es schon seit dem vierten Jahrhundert.

SZ

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Mainz feiert Karneval im Mai

Karneval in Mainz - diesmal nicht im Februar sondern im Mai.

Die Mainzer lassen sich das Feiern nicht nehmen. Mit 77 Zugnummern und 2222 Teilnehmern holen sie am Muttertag die Fastnacht nach. Doch nicht alle sind damit einverstanden. mehr

YouTube-Star Moritz Garth ...

Justin Bieber war der erste, der noch nicht ganz so bekannte Moritz Garth will ihm folgen. Musiker, die auf der Onlineplattform Youtube Erfolge feiern, wagen sich auch in die richtigen Charts vor. mehr

Schells Witwe ist schwanger

Iva Schell erwartet ihr erstes Kind.

Die Witwe des vor zwei Jahren gestorbenen Schauspielers Maximilian Schell, die Operettensängerin Iva Schell (37), erwartet ihr erstes Kind. mehr