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„Die Arbeit zur Stärkung der Pflege muss weitergehen“

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Heimleiterin Michaela Sowoidnich mit der ältesten Bewohnerin des Besigheimer Robert-Breuning-Stifts, Konstanze Metter(91).  Foto: 

Gestern war ihr letzter Tag als Leiterin des Robert-Breuning-Stifts in Besigheim. Sie verabschiedete sich mit einem Mitarbeiterfrühstück. Zum 1. Oktober übernimmt Michaela Sowoidnich für die evangelische Heimstiftung die Regionaldirektion. Im Interview mit der Bietigheimer Zeitung äußert sie sich zum Pflegenotstand und zur langfristigen Finanzierung der Pflege.

Frau Sowoidnich, Pflegenotstand war im Wahlkampf ein Dauerthema. Gibt es den überhaupt?

Michaela Sowoidnich: Es gibt definitiv eine Verschärfung der Situation, die in Richtung Pflegenotstand geht  Wir können in einigen Einrichtungen der evangelischen Heimstiftung schon jetzt nicht mehr alle Betten belegen, weil Personal fehlt. Im Robert-Breuning-Stift standen zum Beispiel im vergangenen Monat zwei Zimmer leer, obwohl viele Anfragen da waren.

Woran liegt das? Ist es nicht einfach so, dass wir Vollbeschäftigung haben und Sie deshalb keine Leute bekommen?

Ein Teil der Ursache ist, dass wir in Baden-Württemberg attraktive Industriebetriebe haben, die gute Löhne zahlen. In den Augen der Bevölkerung steht der Sozialbereich vom  Image her einfach schlechter da.  Deshalb fordern wir höher Personalschlüssel und bessere Rahmenbedingungen. für unsere Mitarbeiter.

Ist das Gehalt im Vergleich zu gut bezahlten Industrieberufen schlecht oder ist es in sich mickrig?

Das Gehalt würde ich nicht als schlecht bezeichnen. Mit der Metallindustrie können wir uns nicht messen, aber mit einem  Handwerksberuf  können wir mithalten. Meinen Mitarbeitern geht es aber nicht in erster Linie ums Gehalt, sondern um die Arbeits- und Rahmenbedingungen. Unsere Heime sind an 365 Tagen 24 Stunden geöffnet. Rund um die Uhr müssen Mitarbeiter für die Bewohner da sein. Unsere Mitarbeiter arbeiten  im Schichtbetrieb,  jedes zweite Wochenende, und wenn die Kollegin krank ist, auch noch das dritte. Das macht den Beruf speziell für junge Leute nicht sehr attraktiv. Deshalb fordern wir höhere Personalschlüssel, um beispielsweise die Schichten zu entlasten.

Die Heimstiftung zahlt Tariflohn. Jede Tariferhöhung schlägt sich eins zu eins auf die Zahlungen der Patienten nieder. Gibt es da gar keinen Spielraum?

Das ist ein Thema, an dem wir arbeiten. Es geht darum, ein echtes Teilkaskoprinzip in der Pflege einzuführen, analog zum Krankenhausaufenthalt. Dort bezahlen die Patienten zehn Euro pro Tag, gedeckelt auf 42 Tage. Die Patienten wissen am Ende ganz klar, was sie für das Krankenhaus bezahlen müssen. Bei uns ist es so, dass die Kostenträger nur einen Anteil bezahlen, der seit 1996 nur marginal erhöht wurde  Die Kosten in den Heimen sind  jedoch deutlich gestiegen.

Das heißt also, dass die Kassen für jeden Tag eine bestimmte Summe bezahlen sollten?

Ja. Wir haben im Moment die Situation, dass unsere Bewohner jeden Monat im Schnitt 2350 Euro aus der eigenen Tasche zahlen müssen. Das können viele gar nicht. Wir fordern, dass sich dieser Eigenanteil  auf Unterkunft und Verpflegung beschränkt und die Pflegeversicherung die Kosten für die Pflege übernimmt sowie die Krankenkasse die Kosten für die Behandlungspflege.

Inwiefern wäre das eine Entlastung für Ihre Bewohner?

Die Pflegekosten sind der große Brocken. Im Pflegegrad 3 zum Beispiel kommen ungefähr 120 Euro pro Tag zusammen.  Das ginge nach unseren Vorstellungen zu Lasten der Kassen. Für den Bewohner blieben 24 Euro für Unterkunft und Verpflegung und ein Investitionskostenanteil   zwischen 13 und 20 Euro. Dann bin ich kalendertäglich bei 44 Euro. Grob hochgerechnet komme ich auf eine monatliche Summe von etwa 1400 Euro  pro Bewohner. Das ist eine Summe, die die meisten Menschen mit ihrer Rente finanzieren können.

Kann denn jemand zu Ihnen kommen, der 1000 bis 1200 Euro im Monat zur Verfügung hat?

Momentan übernehmen die Sozialämter die Kosten für alle Bewohner die die Kosten nicht selbst aufbringen können. Der Webfehler in der neuen Gesetzgebung liegt darin, dass erst ab Pflegegrad 2 die Kosten übernommen werden. Das heißt: Alle Menschen mit Pflegegrad Null oder Eins, die Sozialhilfe benötigen,können derzeit nicht mehr im Pflegeheim aufgenommen werden können.

Aus Pflegestufen sind Pflegegrade geworden. Man muss also nicht mehr automatisch mehr draufzahlen, je höher der Pflegegrad ist?

Genau. Die Angehörigen zahlen jetzt immer gleich viel, egal in welchem Pflegegrad die Menschen sind. Eine Erhöhung der Pflegestufe bedeutete für die Angehörigen eine noch höhere finanzielle Belastung. Dadurch  hatten wir  viele Gespräche mit Angehörigen.

Um auf den Pflegenotstand zurückzukommen. Ist es also vorrangig ein Problem der Finanzierung?

Sowohl als auch. Die personelle Ausgestaltung und die Gewinnung von Personal sind eine Riesenherausforderung. Die auskömmliche Finanzierung der Leistungen die andere. Auch die Entlastung der Angehörigen ist ein wichtiges Ziel. Die Politik hat dazu einen ersten wichtigen Schritt gemacht. Dies erkennen wir an, aber die Arbeit der neuen Regierung im Bereich zur Stärkung der Pflege muss weitergehen. Die personelle Situation verschärft sich zunehmend und drastisch. Schon jetzt haben wir über mehrere Monate im Jahr Probleme Mitarbeiter zu finden. Durchschnittlich benötigen wir fünf Monate, bis wir eine Fachkraft ersetzen können.

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