Armut immer größer

Würzburg.  Die Bahnhofsmissionen in Unterfranken haben angesichts eisiger Temperaturen Hochbetrieb. Die sibirische Kälte bringt selbst "hartgesottene" Obdachlose der Region an ihre Grenzen.

Ralf (48) wiegt sich sachte nach links und rechts. Er meditiere, sagt er - bei klirrender Kälte auf dem Kiliansplatz in Würzburg. Ralf ist seit Mai 2011 ohne festen Wohnsitz, weil ihn äußere Einflüsse dazu gebracht hätten, sagt er. Alles, was er besitzt, hat er im tarnfarbenen Rucksack bei sich. Vor den eisigen Minustemperaturen schützen ihn ein olivgrüner Thermoanzug, eine gleichfarbige Skimütze, derbe Stiefel und dicke Fäustlinge. "Es gibt doch Gegenden auf der Welt, da ist es noch viel kälter", tut er das frostige Wetter mit einem Achselzucken ab. So schlimm sei es hier in Würzburg doch gar nicht.

Viele Menschen sehen das anders. In den karitativen Einrichtungen in Unterfranken herrscht Hochbetrieb. Einige Gäste schimpfen in der Würzburger Bahnhofsmission lautstark über die Kälte. "Ich weiß, dass beispielsweise einer in einem Container lebt, und der ist jetzt alles andere als warm", erzählt Bahnhofsmissionsleiter Michael Lindner-Jung. Deutlich mehr heißen Tee würden seine Mitarbeiter in diesen Tagen ausschenken. "Bei diesen Temperaturen überlegen es sich die Leute zwei Mal, ob sie aus dem Haus gehen - wenn sie eine warme Wohnung haben. Wenn nicht, dann kommen sie zu uns", berichtet Lindner-Jung.

Auch in Aschaffenburg hat die Bahnhofsmission alle Hände voll zu tun. "Wir haben jetzt den gesamten Tag über geöffnet", erklärt die ehrenamtliche Mitarbeiterin Annerose Köbert. Rund 40 Gäste kämen pro Tag, Tendenz steigend. Allerdings liege das nicht nur an dem bitterkalten Wetter. "Die Armut wird immer größer", bemerkt Köbert. Der typische Gast sei zwischen 40 und 80 Jahre alt und männlich. Auf die Kälte stellen sich die Aschaffenburger aber auch ein. Es gibt heißen Tee, Waffeln und belegte Brötchen.

Die Bahnhofsmission Schweinfurt verzeichnet ebenfalls steigende Besucherzahlen. "Es kommen schon mehr Obdachlose und holen Decken ab. In den nächsten Tagen werden die Zahlen aber wohl noch weiter ansteigen", vermutet Ingeborg Fuchs, Leiterin der Bahnhofsmission auf katholischer Seite. In ihren Räumlichkeiten bietet die Bahnhofsmission warme Getränke und heiße Brühe mit einer Scheibe Brot an. Menschen, die nicht wissen, wo sie die Nacht verbringen sollen, werden an das Adolf-von-Kahl-Haus vermittelt. Sollte der Fall eintreten, dass die Einrichtung voll belegt sei, "dann lösen wir für die Menschen Fahrkarten nach Würzburg", erklärt Fuchs die letzte Lösung.

Denn die Würzburger Bahnhofsmission bietet auch Schlafplätze - allerdings nur für Frauen und Kinder, egal ob sie wohnungslos sind oder nicht. Vier Betten und ein Kinderbett gibt es in der Einrichtung am Hauptbahnhof. Männer werden an die Kurzzeitübernachtung vermittelt, gerade bei dieser sibirischen Kälte. Denn die bringt viele, selbst "hartgesottene" Obdachlose an ihre Grenzen. Einen Mann, der mehr als zehn Jahre auf der Straße gelebt hat, habe er nun an eine Einrichtung vermitteln können, sagt Lindner-Jung. "Besonders prekär" sei die Situation der Menschen, die auf der Suche nach Arbeit aus Osteuropa nach Würzburg kämen, weiß der Würzburger Bahnhofmissionsleiter. "Diese Menschen haben wirklich nichts."

Aber dann gibt es auch noch die, die "nicht vermittelbar" sind. Das sind Menschen, die beispielsweise Hunde bei sich haben, die nicht in geschlossenen Räumen leben können, die sich verfolgt oder bedroht fühlen, oder die zu viel Alkohol konsumieren. Die können sich für die Nacht Schlafsäcke und Thermojacken der Bundeswehr bei der Bahnhofsmission abholen. "Leider haben wir nicht genug, um sie schon am Tag zu verteilen", sagt Lindner-Jung. Deshalb wendet sich die Bahnhofsmission nun an die Bundeswehr und an die Bevölkerung. "Wir suchen dringend wintertaugliche Schlafsäcke", ruft Lindner-Jung zur Spende auf. Wintertaugliche Schlafsäcke können bei der Bahnhofsmission, Bahnhofplatz 4., links vom Hauptbahnhof hinter den Omnibushaltestellen abgegeben werden; Telefon 09 31/52 310.

Und dann gibt es auch noch Obdachlose wie Ralf, die der Kälte trotzen, die zu sehr Einzelgänger sind und für die eine warme Unterkunft nicht in Frage kommt. "Das ist zum Glück nicht die Menge", sagt Lindner-Jung. Er hat stets ein Auge auf sie, bringt ihnen warmen Tee und packt Brote ein. "Wir haben Glück, dass es nicht regnet. Dann wäre die Situation draußen noch viel, viel schlimmer."


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Autor: VB | 04.02.2012

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