Dicke Flocken, fette Staus: Weil der Schnee zur Hauptverkehrszeit fiel, kamen Räum- und Streudienste kaum hinterher

Einer kam durch: Der 5er-TüBus wagte sich auf geräumter Straße am Montagvormittag tapfer den Nordring hinauf und hinunter.
MetzPünktlich um 5.45 Uhr aber fielen dicke Flocken. Und fielen. Und fielen. Trotzdem sei er zu Dienstbeginn noch auf schwarzen Straßen durch Tübingen gefahren, erzählt Schmidt. Bis 2.30 Uhr in der Nacht hatten seine Mitarbeiter vorgestreut. Um 5.30 Uhr wurde die nächste Schicht rausgeschickt.
„Alles was Füße hat, war zum Streuen unterwegs.“ 45 Mitarbeiter sind je Schicht im Einsatz. Acht große Räum- und Streufahrzeuge schoben den Schnee zur Seite und streuten die Straßen frei. Dabei gehen die KST streng nach dem Streuplan vor, der die Straßen in und um Tübingen in drei Prioritäten unterteilt. Als erstes werden die Zufahrtsstraßen zu den Kliniken und die Hauptstraßen freigeräumt, außerdem die Hauptstrecken für die Busse. Alle anderen Straßen, vor allem die kleineren, müssen erstmal warten.
50 Tonnen Salz in Tübingen gestreut
Knapp 50 Tonnen Salz wurden am Montagmorgen allein in Tübingen und den Stadtteilen gestreut. „Zwei Sattelzug-Ladungen voll“, erklärt Schmidt. Ein großer Streuwagen fasse 6 Kubikmeter. Zweimal seien die Fahrzeuge die Strecken der Priorität 1 und 2 abgefahren, ehe ab 11.30 Uhr dann die kleineren Straßen (Priorität 3) dran waren.
„Uns ist es am liebsten, der Schnee fällt morgens um 3 oder um 4 Uhr. Da kann’s dann auch mehr sein“, sagt Schmidt. Denn da ist noch Ruhe auf der Straße und die meisten Ampeln sind noch aus. „Aber wenn der Schnee so spät wie am Montag fällt, dann stehen wir mit unseren Streuwagen wie alle anderen auch in der Schlange und müssen warten.“
Busse blieben hängen
Betroffen war auch der TüBus, auf dessen Strecken es bis 9 Uhr morgens zu Verspätungen und Ausfällen im gesamten Stadtgebiet kam. „Bei Eis- und Schneeglätte auf den Straßen kommen die Busse die Tübinger Hügel nicht mehr hinauf und bleiben teilweise auch hängen“, sagt Stadtwerke-Sprecher Ulrich Schermaul. Er erklärt: „Ein Capacity-Gelenkbus mit 20 Metern Länge hat 20 Tonnen Leergewicht und wird dabei nur von einer Hinterachse angetrieben.“
Deshalb verkehrte unter anderem die Linie 1 (von Pfrondorf) nicht über die Steige. Die Linien 5, 13 und 17 konnten zunächst nicht über Wanne und Beethovenweg fahren und die Linie 7 die Haltestellen Lindenstraße, Schönbuchhalle und Pfrondorf Volksbank nicht bedienen. Die Linie 9 (Bismarckturm) fiel zeitweise komplett aus, ebenso die Linie 18 zwischen Hagelloch und BG-Unfallklinik. Erst gegen 10.30 Uhr waren alle Umleitungen und Streckensperrungen wieder aufgehoben.
Die Linie 18 war auch am anderen Ende gekappt. Wolfgang Groß, der Seniorchef der gleichnamigen Rottenburger Omnibusfirma, musste einen seiner Busse bei Poltringen stoppen, weil der nicht mehr die glatte Steige nach Oberndorf hochkam. „Da standen schon die Autos quer.“ Ein paar Kilometer weiter war ein LKW in den Graben gerutscht, stellte Groß bei seinen pausenlosen Kontrollfahrten fest: Auch hier kam kein 18er-Bus mehr durch.
System komplett zusammengebrochen
Und am Sülchen-Knoten steckte schon seit 6.34 Uhr ein weiterer Lastwagen fest. Bis das Räumfahrzeug kam, staute sich der Verkehr bis nach Rottenburg und nach Wurmlingen hinein. „Da ist dann das ganze System für zwei Stunden komplett zusammengebrochen“, sagte Groß mittags am Telefon.
Am Tübinger Europaplatz warteten die Fahrgäste frierend und murrend. Die Abfahrtsanzeige („Dynamische Fahrgast-Information“, DFI) kündigte jeden Bus pünktlich auf die Minute genau an – und ließ ihn dann kommentarlos verschwinden. „Wir haben keinen Zugriff auf die DFI-Anzeigen in Tübingen“, sagte Juniorchef Johannes Groß auf Nachfrage. Auf die Anzeigetafel am Rottenburger Eugen-Bolz-Platz übrigens auch nicht. „Wir können nur über Whatsapp informieren.“
Schnee(aus)fälle via Whatsapp
Wie berichtet, füttert Omnibus-Groß neuerdings einen Smartphone-Newsfeed mit aktuellen Verspätungs-Infos. Und der Tübinger Stadtverkehr informierte am Montag auf seiner Internet-Seite über die Schnee(aus)fälle. Wer allerdings kein Smartphone und keinen Internet-Zugang hatte, blieb ahnungslos.
Die Polizei in Reutlingen, zuständig für die Kreise Tübingen, Reutlingen und Esslingen, hatte bis 10 Uhr genau 102 Unfälle notiert. Meist blieb es bei Blechschäden. Insgesamt entstand ein Schaden in Höhe von etwa 200.000 Euro, bei acht Unfällen gab es Verletzte. „Aber nichts Dramatisches“, sagte Polizeisprecher Christian Wörner. „Die meisten rutschten einfach in den Graben.“
Viele Probleme im Raum Rottenburg
Unfallschwerpunkte waren der Alb-Aufstieg, die Albhochfläche und der Raum Rottenburg. Hier hatten auch die Räumfahrzeuge der Straßenmeisterei des Landkreises zu kämpfen, die wegen querstehender Autos und Lastwagen zeitweise nicht das Lager erreichen konnten, um Streusalz nachzufüllen. Auf der Landesstraße L391/389/385 staute sich der morgendliche Verkehr von der Rottenburger Südtangente „bis nach Hirrlingen rein“, berichtete uns ein Anrufer.
Auch auf der Autobahn 81 bei Ergenzingen gab es einen langen Stau. Der hatte allerdings nichts mit dem Schnee zu tun. Vielmehr kam es gegen 9.10 Uhr in Fahrtrichtung Singen zu einem Unfall, als ein Audifahrer beim Überholen ein anderes Auto übersah. Verletzt wurde niemand.
Einziger Lichtblick im Schneegestöber: Die Züge fuhren am Montagvormittag erstaunlich zuverlässig nach Fahrplan.