Josefinas neues Gespür für Schnee
Weikersheim. Kälte, Knödel und Kondition - das ist es, was vier südamerikanische Austauschschüler bereits nach vier Wochen mit ihrem Gastland verbinden. Sie besuchen derzeit das Weikersheimer Gymnasium.
"Hier ist es viel zu kalt!" ruft Cristina, von draußen hereinkommend, und reibt sich erstmal die Hände. "Zuhause haben wir im Winter kaum unter 15 Grad. Um aber hier in Deutschland nicht zu erfrieren, trage ich schon seit Tagen eine zweite Hose." Zuhause, das ist für die 15-Jährige die peruanische Hauptstadt Lima. Vor fünf Wochen hat sie die weite Reise nach Europa gemeinsam mit ihrer Klassenkameradin Josefina und rund 50 anderen Jugendlichen auf sich genommen, um hier zwei Monate zu verbringen. Bei der Verteilung auf Schulen in ganz Deutschland sind sie im Weikersheimer Gymnasium "gelandet". Dort sind sie nicht die einzigen Austauschschüler. Sechs Jugendliche aus Südamerika sitzen in diesen Wochen mit den Zehntklässlern im Unterricht und sind gefordert, täglich deutsch zu sprechen.
"Die Sprache lerne ich schon von klein auf", erzählt Josefina, "denn mein Großvater ist im letzten Jahrhundert von Deutschland ausgewandert. Da liegt das in der Familie." Sie und Cristina besuchen genauso wie die beiden Argentinier Manuel und Pamela, die die Gesprächsrunde mit der TZ perfekt machen, eine deutsche Schule in ihrer fernen Heimat. Doch die gemeinsame Sprache verbindet nicht automatisch: "Jedes spanischsprachige Land hat seine eigenen Worte. Deshalb können wir nicht immer alles sofort verstehen, was die Peruaner sagen. Das europäische Spanisch fordert uns alle aber immer noch am meisten. Da werden ganze Buchstaben verschluckt", weiß Manuel. Cristina hingegen kennt die feinen Unterschiede zwischen ihrer Heimat Peru und ihrem Gastland ganz genau. "Hier muss immer alles schnell gehen. In den ersten Tagen kam ich beim Laufen kaum hinterher. Ich höre immer nur ,Beeil dich! und musste mich beim Schritttempo schon anpassen", erzählt die derzeit in der Provinz weilende Großstädterin. Ansonsten können alle die typischen Klischees bestätigen: "Die Autos werden hier nicht so wild, dafür aber meist schnell gefahren. An den Zebrastreifen wird brav angehalten und überhaupt hat alles seine Ordnung", stellt Josefina fest. "Ganz interessant" schmecken allen die Spätzle und Knödel, die es bei ihren Gastfamilien in Markelsheim und Creglingen gibt. "Aber das Frühstück liegt nicht so schwer im Magen wie bei uns", meint Manuel, "denn in meiner Familie wird jeden Sonntagmorgen ein Barbecue gezaubert. Fleisch pur statt Müsli satt heißt es da." Die regelmäßige Fettlast sieht man dem Schüler jedoch nicht an: "Fußball ist unser Leben, heißt es natürlich auch bei uns in Argentinien. Aber der wird anders gespielt." Das wurde vor allem bei einem Spiel im Sportunterricht deutlich: "Ich bin mehr auf Technik trainiert. Versuche immer, jeden von der gegnerischen Mannschaft auszuspielen. Die deutschen Fußballer versuchen mit Fitness und Kondition zu glänzen."
Ein völlig neues Erlebnis waren für die vier die wenigen Schneeflocken des hiesigen Winters. "Als ich den Schnee sah, bin ich sofort rausgerannt und wollte ihn auf der Haut spüren", erinnert sich Josefina, die in der Küstenstadt Lima noch nie auch nur den Ansatz der weißen Pracht gesehen hat. Farblos und still, wie in einem deutschen Winteridyll, ist es in Südamerika ohnehin nicht. "Die deutschen Häuser sind viel zu grau und einheitlich", meint Cristina gelangweilt. Bei uns ist jedes Haus ein kleines Schmuckstück. Bunt und mit völlig anderer Form reiht sich eines an das andere und bildet so die Metropole mit.
Und was wissen die vier Jugendlichen über den Vergleich der Schulsysteme? "In Mathematik bin ich voll mit dabei. Das ist einfach überall gleich", offenbart sich Cristina als Mathe-Genie. Und trotz der klaren Vorteile im Spanischunterricht haben die Muttersprachler beim Vokabeltest doch schon dazu gelernt: "Jeans heißt es in Deutschland. Jeans heißt es bei uns in Südamerika. Das fand die Lehrerin falsch. Hier im Sprachunterricht orientiert man sich nur an Spanien: also keine Jeans, sondern eine vaquero."
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Autor: MICHAEL NICKOLAUS | 04.02.2012
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Wissen, wos langgeht: Die Austauschschüler aus Argentinien und Peru zusammen mit ihren neuen Freunden aus Creglingen und Markelsheim. Foto: M. Nickolaus
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