Arbeit im Freien beim Minusgraden
Bei Eiseskälte hilft das Zwiebelprinzip
Igersheim/Bad Mergentheim. Minus 16 Grad zeigt das Thermometer am frühen Dienstagmorgen. Urban Schmitt trägt die Tauber-Zeitung im Igersheimer Westen aus. Er ist nicht der einzige, der an diesem Tag im Freien arbeitet.
Die Nachrichten sind voll mit Berichten über den Dauerfrost. Hoch Cooper hat Europa fest im Griff. Die sibirische Kälte hat schon viele Opfer gefordert - mehr als 200 Menschen sind bereits erfroren.
Der Aufenthalt im Freien, etwa ein Winterspaziergang bei blauem Himmel und Sonnenschein, ist kein Problem, wenn er nicht zu lange dauert. Dank moderner Textilien können auch tiefe Temperaturen ertragen oder "abgewettert" werden. Doch wer im Freien arbeiten und sich dabei stundenlang dem Frost aussetzen muss, sieht die Minusgrade mit anderen Augen.
Die kalte Luft schneidet in die Nase und die Bronchien, das Atmen fällt schwer. Kurz nach 5.30 Uhr kommt ein Mann um die Ecke gefahren - nicht mit dem Auto, sondern mit dem Fahrrad. Es ist kein Extremsportler, der hier für irgendwelche Abenteuer trainiert, sondern der Zeitungsausträger. Urban Schmitt kennt den Igersheimer Westen gut - "jeden Bordstein, jeden Weg", wie er betont.
Seit fünf Jahren trägt der Markelsheimer im Nachbarort die Tauber-Zeitung aus. Das Wetter, so sagt er, "darf einen dabei nicht stören". Ob Sommer oder Winter, bei Nebel, Regen, Sonnenschein und auch bei tiefem Frost ist er unterwegs. Immer von Montag bis Samstag, von Januar bis Dezember.
Sein Rezept, den Minusgraden zu trotzen, klingt einfach: "Richtig anziehen!" Dazu gehören Schal, warme Jacke, Pullover, Winter-Unterwäsche und natürlich auch dicke Socken und warme Stiefel. Ganz wichtig: "Handschuhe und eine warme Mütze, denn sonst zieht die Kälte in die Ohren", weiß Schmitt. Und "das tut richtig weh".
Auch warm angezogen ist es nicht einfach. "Du bist alleine da draußen." Allein mit den Zeitungen, den Briefen und dem Frost, sagt der Austräger. Und auf den "musst du dich einstellen", denn anders seien die rund eineinhalb Stunden, die er zum Austragen benötigt, nicht zu schaffen. "Man muss hart sein." Es ist "schweinekalt" wenn er um 3.30 Uhr aufsteht, und es ist "immer noch saukalt", wenn er mit dem Auto nach Igersheim fährt. Dort hat bei einem Bekannten ein Fahrrad deponiert. Kurz nach 4 Uhr übernimmt er seine Zeitungen am Depot und fängt gleich darauf mit dem Austragen an. 90 Exemplare der TZ und eine unterschiedliche Zahl von Briefen steckt er zu nachtschlafender Zeit in die Briefkästen. Während die meisten Abonnenten noch in ihren warmen Betten schlummern, geht Schmitt durch die eiskalte Nacht. "Gut ist, dass kein Schnee liegt. Dann rutscht man wenigstens nicht aus."
Erst am letzten Haus hat er die Handschuhe abgelegt - der TZ-Reporter hat den TZ-Austräger zum Kaffee eingeladen. Aufwärmen und ein bisschen reden tut gut - seine "Kunden" bekommt Schmitt nur selten zu sehen. Was er nun macht? "Heimgehen, ein bisschen schlafen und frühstücken." Sein Arbeitstag aber ist dann aber noch lange nicht zu Ende.
Ebenfalls der Kälte trotzen müssen die Händler auf dem Marktplatz in der Badestadt. Der Markt ist am Dienstag auffällig kleiner als sonst, nicht alle Händler, die normalerweise ihre Waren auf dem Marktplatz anbieten, sind gekommen. Auch die Kunden sind rar; nur wenige Einkäufer sind zu sehen.
"Denen ist halt auch zu kalt", sagt ein Verkäufer. Nicht nur sich selbst warm halten ist die Devise, auch die Ware darf nicht einfrieren. Für die Markthändler ist der Frost alles andere als verkaufsfördernd, der Umsatz dümpelt dahin.
Dieter Szczur ist schon lange auf den Beinen. Er verkauft Geflügel, Kaninchen und Eier, und er hat, "weil es zu viel Aufwand wäre", keinen geschlossenen Stand oder Anhänger dabei. Um 8.30 Uhr hat er seinen Stand aufgebaut - alles Nötige und die Ware hat er im Lkw mitgebracht. Zuvor hat er noch die Uni-Mensa in Würzburg beliefert.
"Ich habe immer im Freien gearbeitet, da gehören Hitze und Kälte einfach dazu", sagt der Verkäufer über das Winterwetter. Dennoch: "Gegenwärtig ist es schon sehr kalt." Sich darauf einzustellen, sei "eine Frage der Gewohnheit" und natürlich der Anpassung an die äußeren Umstände. "Unabdingbar ist gute Kleidung", betont Szczur. Ebenfalls hilfreich "sind warme Gedanken". Was er heute alles angezogen hat? "Es gilt das Zwiebelprinzip", meint der Verkäufer und öffnet den Reißverschluss seiner Jacke. "Insgesamt drei Jacken, ein Pullover, ein Rollkragenpullover, langes Unterhemd und Unterhosen, Winterhose und nicht zu vergessen dicke Socken und gefütterte Stiefel", zählt er auf und lacht, weil der TZ-Reporter mit dem Aufschreiben gar nicht nachkommt - Papier und Kugelschreiber machen deutlich, dass es ihnen zu kalt ist. Nur dick eingemummt lassen sich die tiefen Temperaturen ertragen, weiß der erfahrene Verkäufer. Doch allein auf die Kleidung kann sich Szczur nicht verlassen, und deshalb hat er im Winter immer einen Gasbrenner mit dabei. Der steht hinter ihm und spendet wohltuende Wärme. "Das bisschen Komfort" erfordert aber beständige Aufmerksamkeit. "Man muss immer gut aufpassen, dass die Klamotten nicht anbrennen", weiß der Verkäufer.
Draußen arbeiten müssen auch die Mitarbeiter der Bauhöfe. Der Igersheimer Bauhofleiter Markus Ott sieht diese Herausforderung sportlich: "Warm schaffen", sagt er und macht klar, dass das nicht ganz ernst gemeint ist. "Natürlich muss man sich richtig anziehen, dann kann man auch bei starkem Frost arbeiten." Sein Rezept: "Lieber eine Jacke mehr als eine zu wenig. Und immer darauf achten, dass man sich noch bewegen kann." Die Arbeit werde bei großer Kälte entsprechend organisiert: "Wir nutzen Ausweichmöglichkeiten, etwa in gemeindeeigenen Gebäuden. Da ist ja auch immer etwas zu tun." Wenn es am Nachmittag wärmer ist, "sind wir alle wieder draußen tätig".
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Autor: HANS-PETER KUHNHÄUSER | 08.02.2012
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Verkäufer Dieter Szczur trotzt den Minusgraden mit dem "Zwiebelprinzip".
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