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Ein langer Weg bis zur Renovierung

Der Wenkheimer "Synagogenförderverein" feiert sein 25-jähriges Bestehe. Das ehemalige jüdische Gotteshaus wurde in Wenkheim zum Mittelpunkt der Erinnerung. Tag der offenen Tür ist am Sonntag, 25. Juli.

Als vor mehr als einem Vierteljahrhundert Schuldekan Johannes Ghiraldin mit einer Schulklasse in den etwas heruntergekommenen Innenraum der ehemaligen Synagoge in der Ortsmitte schaute, war der Gedanke für die Renovierung des 1840/41 errichteten Gebäudes geboren. Es dauerte aber noch bis 1985, bis der Verein zur Erforschung jüdischer Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im tauberfränkischen Raum gegründet wurde.

Die ehemalige Synagoge in Wenkheim hatte die Pogromnacht von 1938 mit nur leichten Schäden überstanden. Ein kleiner Teil der Inneneinrichtung fiel der Zerstörungswut der Nationalsozialisten zum Opfer. In seiner Gesamtheit blieb das Gebäude als typische Landsynagoge jedoch erhalten, da man es nicht niederbrennen wollte, weil dadurch eng angebaute landwirtschaftliche Scheunen stark in Mitleidenschaft gezogen worden wären.

Nach der Pogromnacht wurde das Gebäude als Vereinsheim der Hitlerjugend genutzt. Ab 1940 waren belgische Kriegsgefangene dort untergebracht. 1945 zogen dann Heimatvertriebene ein, die bis Ende der 1970er Jahre dort wohnten.

Bei der Gründung des Verein zur Erforschung jüdischer Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im tauberfränkischen Raum am 4. Dezember 1984 waren neben zahlreichen Wenkheimer Bürgern auch Schuldekan Johannes Ghiraldin aus Tauberbischofsheim, der Leiter des Ganztagsgymnasiums in Osterburken, Dr. Elmar Weiss, Schuldekan Eggert Hornig aus Bad Mergentheim und Archivar Erich Langguth aus Wertheim anwesend. Ortsvorsteher Ernst Thoma, Gemeinderat Walter Schmidt, Ulrich Haas, Klaus Reinhart und Käthe Semel waren die aktiven Kräfte aus dem Ort Wenkheim.

Zum ersten Vorsitzenden wurde Johannes Ghiraldin gewählt, Dr. Elmar Weiss wurde zu seinem Stellvertreter gewählt, Käthe Semel übernahm das Amt des Kassiers, Klaus Reinhart wurde Schriftführer. Als Beisitzer wurden Ulrich Haasss und Eggert Hornig gewählt.

Nach der Gründung dauerte es noch sieben Jahre, bis das Gebäude seiner neuen Bestimmung als Mahnmal, Dokumentationsstätte, Kulturzentrum und katholisches Gemeindehaus übergeben werden konnte.

In zahlreichen Sitzungen musste zuerst ein Konzept über die künftige Nutzung erarbeitet werden. "Das Gebäude muss mit Leben erfüllt werden", war die Forderung der potenziellen Geldgeber wie Landesdenkmalamt, Landkreis, Denkmalstiftung, Gemeinde und Geldgeber aus der Wirtschaft.

Nach rund fünf Jahren stand das Konzept zur Renovierung des ehemaligen Synagogengebäudes. Zuvor hatten die Wenkheimer Vereinsmitglieder damit begonnen, den ehemaligen Gebetsraum wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. Die holzvergitterte Frauenempore hatte die letzten 50 Jahre fast unversehrt überstanden. Die Stuckkassettendecke hatte durch das defekte Dach in einem Viertel sehr gelitten, konnte später aber wieder im Originalzustand hergestellt werden, nachdem das Dach durch die Gemeinde Werbach erneuert worden war.

In den Jahren 1990 und 1991 konnte der Gebetsraum nach und nach renoviert werden. Unter der Leitung von Ortsvorsteher Ernst Thoma, einem gelernter Schreiner, konnten zahlreiche Innenarbeiten an der Wandvertäfelung, am Fußboden und bei den Türen in Eigenregie durch den Förderverein kostengünstig ausgeführt werden. Im Frühjahr 1992 wurde die ehemalige Synagoge an drei Sonntagen mit Feierlichkeiten ihrer neuen Bestimmung übergeben.

Dr. Elmar Weiss, der beauftragt worden war eine Festschrift zur Übergabe der ehemaligen Synagoge zu entwerfen, sammelte soviel Material aus Archiven, dass aus der Festschrift ein 140 Seiten starkes Taschenbuch "Zeugnisse jüdischer Existenz in Wenkheim" wurde, das die Geschichte der ehemals jüdischen Gemeinde von Wenkheim erstmals näher beleuchtet.

Die ehemalige Synagoge wurde schnell zum kulturellen Mittelpunkt von Wenkheim. Konzerte mit jiddischer Musik, Vorträge mit Holocaustüberlebenden, Seminare zu verschiedenen Themen, zahlreiche kirchliche und private Feiern bis hin zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes sorgten dafür, dass das Gebäude auch mit Leben erfüllt wurde.

Immer wieder kamen Schulklassen, Jugendgruppen, Frauen- und Männervereinigungen, um die Synagoge zu besichtigen. Johannes Ghiraldin, Ernst Thoma, Walter Schmidt, Eggert Hornig und Klaus Reinhart gaben während der Führungen sachkundig Hinweise zum Gebäude und zur früheren jüdischen Gemeinde in Wenkheim. Dabei konnte schon bald auf den Judaicakoffer zurückgegriffen werden, in dem zahlreiche typische jüdische Gegenstände (Thorarolle, Kippa, Gebetsschal, Gebetsriemen, Purimrassel) in Miniatur enthalten sind.

Eine Bilderausstellung auf der Empore zeigt früheres jüdisches Leben im badischen und württembergischen Frankenland und wurde durch Dr. Elmar Weiss vom Ganztagsgymnasium in Osterburken zur Verfügung gestellt.

Nach und nach kamen auch die Nachkommen von ehemaligen jüdischen Mitbürgern aus Israel und den USA nach Wenkheim zurück, um die Wurzeln ihrer Vorfahren zu erkunden.

Neben der Renovierung der ehemaligen Synagoge war es auch ein Anliegen des Vereins zur Erforschung jüdischer Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im tauberfränkischen Raum, den weit außerhalb liegenden jüdischen Bezirksfriedhof zu erhalten und zu erforschen. So konnten dort bei Besuchen von Gästen aus Israel und den USA Gräber lokalisiert werden. Auch das Grab eines preußisch-jüdischen Soldats, der bei den Kämpfen im Deutschen Bruderkrieg 1866 im nahen bayerischen Helmstadt nach schwerer Verwundung starb, konnte ausfindig gemacht werden.

Aus finanziellen Gründen konnte der Förderverein die Renovierung der Mikwe (rituelles Frauenbad) im Kellergeschoß erst im 21. Jahrhundert angehen und vollenden. Sie ist seit 2005 für Besucher begehbar und ist ein weiteres Juwel des jüdischen Landlebens, das erhalten werden konnte.

Unter der Federführung des Vereins zur Erforschung jüdischer Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im tauberfränkischen Raum wurde im Kloster Bronnbach eine Ausstellung über das Lager Gurs in Südfrankreich betreut. Dorthin waren die jüdischen Mitbürger von Wenkheim 1940 deportiert worden.

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