Ein Stück Menschenwürde

Bad Mergentheim.  Mit einer Gedenkstunde wurde am im Äußeren Schlosshof das Denkmal für die ehemalige jüdische Gemeinde von Bad Mergentheim eingeweiht. Das Mahnmal erinnert an 97 Juden, die in KZs ermordet wurden.

Der Zeitpunkt für die Vorstellung des Mahnmals sei bewusst auf den Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus sowie den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee gelegt worden, betonte Bürgermeisterstellvertreter Thomas Tuschhoff. "Mit Ihrem Kommen zeigen Sie, dass Ihnen die Erinnerung an die furchtbaren Gräuel der Nazizeit, die sich auch hier in Bad Mergentheim ereignet oder angebahnt haben, ein wichtiges Anliegen ist", so Tuschhoff zu den zahlreichen Gästen. "Denkmäler wie dieses sollen einerseits die nächsten Generationen mahnen und andererseits einen Ort darstellen, an welchem die Nachfahren der Ermordeten ihrer Vorfahren gedenken können und somit eine Grabstelle ersetzen".

Besonders bewegend war der Moment, als Schuldekan i. R. Eggert Hornig und Oberstudienrat i. R. Hartwig Behr, Mitglieder des Freundeskreises ehemaliger jüdischer Mitbürger und Mitinitiatoren des Denkmals, abwechselnd die Namen aller 97 Opfer verlasen. "Der Jüngste durfte nicht einmal sechs Jahre alt werden", berichtete Hornig. Das Mahnmal solle gegen das Vergessen wirken und daran erinnern, sich gegen das Böse zu wehren, damit alle Menschen gut miteinender leben könnten.

Aus gesundheitlichen Gründen könne leider niemand der überlebenden Mergentheimer Juden an der Veranstaltung teilnehmen, berichtete Behr. Er verlas Gedanken von Shimshon Ofer, der als Siegfried Hirschberg in Mergentheim geboren wurde und als Zehnjähriger die Stadt verlassen hatte. "Die toten Menschen, die da erwähnt sind, haben in meiner Betrachtung immer noch lebendige Namen. Die meisten habe ich gekannt, manche waren Schulkameraden", teilte Ofer in seinen Worten mit. Seine Großeltern aus Berlin seien in Theresienstadt verschollen.

Vor Jahren habe er bei einem Besuch in Berlin als Tourist leise gesagt: "Oma und Opa, ich bin da". Er habe dies als kleinen, schönen Sieg empfunden. "Hoffentlich werden wir alle, hier und dort, in der Zukunft nur Siege ohne Opfer und Verluste auf allen Seiten nötig haben. Dafür soll dieses Denkmal ein Mahnmal sein", bekräftigte Ofer.

Dass die Deportationen der Juden nicht versteckt, sondern erkennbar stattfanden, schilderte Dr. Fritz Ulshöfer, Direktor des Amtsgerichts i. R., als Zeitzeuge anhand eines Erlebnisses aus seiner Kindheit. 1941 habe er gesehen, wie aus Richtung Holzapfelgasse ein Ehepaar von einem Polizisten teilweise unter Einsatz eines Schlagstockes getrieben worden sei - wie er später erfahren habe, zum Bahnhof, wo der Deportations-Zug wartete. "Die Namen dieses Ehepaares befinden sich auf dieser Denkmaltafel", verdeutlichte Ulshöfer.

Architekt Rolf Klärle erklärte, dass die Grundform des Mahnmals einfach und schlicht gehalten sei, damit nichts von den Namen und dem Gedenken ablenken solle. Er wies auf einen Einschnitt am Ende der Bodenplatte hin, der den Einschnitt im Miteinander von jüdischen und nichtjüdischen Menschen in der Stadt durch die Verbrechen der Nazis symbolisiere. "Das Denkmal will uns auffordern, einen Schritt hin zu den Opfern zu tun", unterstrich Klärle.

Landesrabbiner Netanel Wurmser sagte, dass das Denkmal auch ein Grabersatz sei, denn lange Zeit habe es keinen Ort des Gedenkens an die Opfer gegeben. Das Denkmal trage ein Stück zur Wiedererlangung der Würde für die Menschen bei, die ohne Grab und Grabstein auf unmenschlich brutale Art verschwunden seien. Zum Abschluss trug der Rabbiner einen Psalm und ein jüdisches Totenlied vor.


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