Stoff für ein Buch

Bad Mergentheim.  Wie jüdische Mitbürger ausgebeutet und ausgeplündert wurden, machen die jetzt in Bad Mergentheim entdeckten Akten anschaulich. Der sensationelle Fund im Finanzamt kann Stoff für ein Buch liefern.

Offiziell waren diese jüdischen Steuerakten längst vernichtet. Der Hartnäckigkeit von Hartwig Behr ist es zu verdanken, dass sie wieder zum Vorschein kamen. Ein aufmerksamer Finanzbeamter und ein grüner Schrank machten es möglich.

"Da gibt es nichts", war in einem Schreiben des Amts aus dem Jahr 1960 zu lesen. Doch Hartwig Behr, M.A., gab sich damit nicht zufrieden. Kein Wunder - der Oberstudienrat am Deutschorden-Gymnasium war dafür bekannt, seinen Schülern fundierte Einblicke in die Vergangenheit zu vermitteln und den Dingen auf den Grund zu gehen, auch wenn das etliche Anstrengung kostete. Er erinnerte sich an Wiedergutmachungsakten der 1950er Jahre, in denen Bad Mergentheimer Finanzbeamte Auskünfte über die Verhältnisse ehemaliger jüdischer Mitbürger gegeben hatten. Und dann war da noch der beiläufige Hinweis eines ehemaligen Finanzbeamten, da stehe im ersten Stock in grüner Schrank. In dem seien die "Judenakten" wohl verwahrt.

Zum Bedauern des engagierten Forschers ergab eine Nachfrage, dass da kein solcher Schrank stehe und man sich auch nicht an ihn erinnere. Hartwig Behr ließ die Angelegenheit ruhen - er wusste wohl, wie zurückhaltend man im Amt mit Auskünften in dieser Sache war.

Im letzten Winter dann ergab sich ein Gespräch mit einem Mitarbeiter, der sich bereit erklärte, noch einmal Ausschau zu halten. Der grüne Schrank blieb verschwunden, doch Hartwig Behr erfuhr, dass man noch einen umfangreichen Aktenbestand in einem braunen Schrank auf dem Dachboden entdeckt habe. Nun hieß es erst einmal abwarten, bis wieder wärmere Temperaturen herrschten. . .

Eines Frühlingstages dann erhielt Hartwig Behr einen Anruf mit der frohen Botschaft: "Wir haben die Akten gefunden". Wegen des Steuergeheimnisses, so beschied ihn der Beamte, könne Hartwig Behr sie allerdings im Amt nicht einsehen. Aber "wir geben den Bestand ab ins Staatsarchiv". Dort könne der inzwischen durchaus ungeduldige Forscher sie dann ohne weiteres lesen.

So geschah es und wenige Wochen später konnte Hartwig Behr rund 220 Aktenfaszikel in Augenschein nehmen und in ihnen blättern. Mit geübtem Auge erkannte er, welch ein Schatz hier ans Tageslicht gekommen war. Zwar war der Bestand nicht vollständig, es fehlten etwa die Steuerakten von Hermann Stern und Artur Rosenfeld, die schon 1933 den Übergriffen der SA in Creglingen zum Opfer gefallen waren. Aber die Bedeutung des Funds war dennoch nicht hoch genug einzuschätzen. Was hier niedergeschrieben war, zeichnete zusammen mit dem, was bereits bekannt war, ein umfassendes Bild des Geschehens zur Hitlerzeit.

35 Finanzämter habe es in Württemberg gegeben, erklärte Dr. Martin Häußermann, der zuständige Abteilungsleiter im Staatsarchiv bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Fundes, doch nur von vier habe man heute noch Akten über die jüdischen Mitbürger. Ursache dafür sei neben den Schäden durch Luftangriffe der Befehl "Nero", mit dem Hitler Ende März 1945 den Befehl zur gezielten Vernichtung jüdischer Akten gegeben habe. Da sei dann "niemand zuverlässiger gewesen als die Finanzverwaltung".

Doch auch in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts sei "die Sensibilisierung noch nicht so weit fortgeschritten gewesen wie heute" - und man habe vieles von dem, was das Kriegsende überdauert hatte, noch in den Reißwolf gegeben. Dass es dank der Hartnäckigkeit von Hartwig Behr gelungen sei, diesen äußerst wertvollen Bestand zu sichern, verdiene hohe Anerkennung.

30 000 Einwohner hatte, so Hartwig Behr, der Altkreis Mergentheim in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. 500 davon seien Juden gewesen, die meist in Bad Mergentheim gelebt hätten, dazu noch in sieben Dörfern von Archshofen bis Edelfingen. Wie diese Menschen "ausgebeutet und ausgeplündert" worden seien, machten die jetzt entdeckten Akten anschaulich deutlich. Sie umfassten im Wesentlichen die Zeit von 1924 bis zu den Deportationen von 1943, doch seien auch einige Vorakten aus der Kaiserzeit (etwa seit 1913) sowie Wiedergutmachungsakten aus den 1950er Jahren vorhanden. Wie gut, meinte er, dass man in Bad Mergentheim Hitlers Befehl zur Aktenvernichtung nicht befolgt habe - er habe "gar nicht gewusst, dass in dieser Stadt so eine Befehlsverweigerungsstimmung geherrscht hat".

Viele der Dokumente seien langweilig, etwa Vermögenslisten und die aus ihnen folgende Steuerberechnung. Der "Beifang" allerdings sei das Besondere: Berichte über Betriebsprüfungen, Schuldnerlisten und Inventurberichte - und eben die Handakte des Finanzbeamten.

Interessant seien auch mancherlei Briefköpfe der jüdischen Betriebe, zu denen 24 Viehhändler, drei Pferdehändler, 19 Händler mit Manufakturwaren und 13 Händler mit anderen Waren gehörten. Auch die Akten von Rabbiner Dr. Moritz (Moses) Kahn seien vorhanden.

Erschreckend sei es, in den Akten genau zu finden, wie "die Schraube immer weiter gedreht wurde". Nach der Reichspogromnacht im November 1938 habe der Staat ja als "Sühneleistung" von den Juden eine Milliarde Mark verlangt und jeder habe dafür 20 Prozent seines Vermögens abgeben müssen. Wie nachzulesen sei, habe dieser "weitere Schritt der Entrechtung und Ausbeutung" zu finanziellen Katastrophen und Versteigerungen von jüdischem Eigentum geführt.

Über das, was hier gefunden wurde, könne ein jüngerer Mensch sicher einmal ein Buch schreiben, stellte Hartwig Behr fest. Er werde sich allerdings auf etliche Aufsätze zu Einzelthemen beschränken, die er gerne in dieser Zeitung veröffentlichen wolle.


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Autor: PETER KESSLER | 10.09.2011

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