Räume für unendlich viele Geschichten

Bad Mergentheim.  Vielschichtig, intim, humorvoll: Matthias Brandt führte seine Zuhörer im Deutschordensmuseum durch ganz unterschiedliche Welten, ins "Archiv verworfener Möglichkeiten" von Naomi Schenck und Ulrich Rüdenauer.

Die Schlussszene der Literatur-Lesung von Matthias Brandt hat einen stimmigen Irrwitz. Der bekannte Fernsehschauspieler und Hörbuchsprecher signiert ein Buch, für das er weder etwas geschrieben noch fotografiert hat. Doch Brandt hat am Donnerstagabend dem Speichermedium Buch eine eigene Wirklichkeit gegeben, transportiert, was unter dem Titel "Archiv verworfener Möglichkeiten" recht spöde und unhandlich daherkommt.

Um was geht es? Die Szenenbildnerin Naomi Schenck hat fotografiert - marode Räume, vollgestellte Keller, einsame Teppenaufgänge, bizarre teil-inszenierte Innenansichten, Bild-Vorschläge für letztlich ungedrehte Filme. Orte, die einst Leben hatten, Geschichten. Und die verlassen wurden. Schecks Fotografien bilden Projektionsflächen - "eine Fundgrube für aufmerksame Betrachter und geübte Beobachter", schreibt Literaturkritiker Ulrich Rüdenauer, der Herausgeber des Bands. Er hat drei Dutzend Autoren, Essayisten, Lyrikerinnen angeschrieben, gebeten, die Leer-Räume mit Geschichten zu füllen. Der Rücklauf war groß. Wilhelm Genazino, Helmut Böttiger, Roger Willemsen sind unter den Autoren, viele waren übrigens bereits Gäste bei "Literatur im Schloss".

Matthias Brandt lieh den Autoren im "Roten Saal" aber nicht nur seine Stimme, er zeigte sich zudem der Komplexität des Buches an sich und der Vielschichtigkeit der Texte und Textsorten gewachsen. Genial, wie Brandt zwischen phänomenologischer Ansicht, Beziehungs-Innenschau, Lyrik und schnoddrigen Abkanzel-Briefen switchte. Der Mix war Konzept des Abends und das ging auf. Einlassen auf das Liebes-Leben von "Nora" aus der Feder von Feridun Zaimoglu ("weit weg" vom groß dazu auf eine Leinwand projizierten Schenck-Foto). Dann ein harter Schnitt. Autor Heinz Emigholz spielt den Filmemacher, den Kameramann, der sich "ganz nah" mit den Fotos beschäftigt, so als würden sie ihm gerade als Set-Vorschläge vorgelegt. Seine fiktiven Absagen, drastisch, geistreich, merkwürdig, fies und feige, bilden einen roten Faden durch den Abend, sind die Humor-Strecke, die die zumeist krisenhaften Stücke der anderen Autoren stützt, den morbiden Tenor der Fotografien unterstreicht und gleichzeitig konterkariert.

Genazino zum Beispiel. Schencks Foto-Diptychon (rechts abgebildet) zeigt eine glatte Eisenbahn-Speisewagen-Flucht und ein Baulager-Kabuff. Der Autor vernachlässigt das detailreiche Lagerbild vollkommen, imaginiert stattdessen im leeren Zugabteil schiere Enge, Männer auf dem Nachhauseweg aus den Großstädten nach "Heinrichsdorf, Hösbach oder Heppenheim" - Chiffren für soziale Taylorisierung. Auf diesen Lebensfahrten trotz "Büchsenhaltung der Körper" keine Haltegriffe, Stehen, Wanken, ein "Männerstauraum". Irgendwann Ankunft. "Frau und Kind wollen einen freudigen Heimkehrer sehen. Ohne sichtbaren Unmut erfüllen die Männer diese Erwartungen." Der Büchner-Preisträger dichtet subtile Resignation, richtet den Blick aufs scheinbar Banale, auf das offensichtlich Absurde des Alltags.

Kontrast. Die Lyrikerin Ulrike Almut Sandig zu einem "Leer-Raum": "Mein rechter, rechter Platz ist leer, ich wünsch mir alle Freunde her (...) bis sich die stoffblaue Nacht um uns legt und uns wie Kinder nach Hause heimträgt." Hier aus der rückbesonnenen Kindlichkeit die hochromantische Sehnsucht geschöpft. Dicht, ergreifend, wun-der-bar.

Für Multi-Literaturpreisträger Feridun Zaimoglu schließlich ist ein Schenck-Triptychon der Impuls, sich mit Menschen hinter den Fotoapparaten zu beschäftigen. Nora fotografiert "anderer Menschen Hinterlassenschaften", spielt Beziehung, lässt sich verlassen, ihre Sehnsüchte sind abgekoppelt. Erst ganz am Schluss ein fast unwirklicher, scheinbar unattraktiver Kontakt zu einer alleinerziehenden Mutter. Statt Second-hand-Räumen "ein erstes Menschenbild" - widerwillig.

Am Ende der Lesung gibt es für Matthias Brandt herzlichen Applaus. Bild-Literatur-Sprach-Experiment geglückt. Naomi Schenck hält sich im Hintergrund, überlässt dem sympathischen TV-Star Applaus und Signiertisch.

Erstaunlich, dass sich so viele Zuhörer auf das Wagnis jenseits der "Bekannter-Autor-stellt-sein-Buch-vor"-Lesung eingelassen haben. Statt glattrechts gestrickt ein vielschichtiges Gewebe - wenn es gut eingefädelt ist, funktioniert es.

Ein Wermutstropfen: Der "Rote Saal" macht das Genießen ob der spärlichen Stehlampenbeleuchtung spätestens ab Reihe 10 zum Problem. Dunkle Halle ohne Übersicht, Zuhörer auf untaugliche Distanz haltend, ein wenig schade.


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Autor: MICHAEL WEBER-SCHWARZ | 28.05.2011

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