Nestwärme trotzt Selbstständigkeit

Drei Generationen unter einem Dach? Das Bild ist angesichts fleißiger Häuslebauer selten geworden. Bei Wanessa Ruck und ihrer Familie ist es noch so. Alt und Jung unter einem Dach - das birgt Vor- und Nachteile.

Wanessa Ruck lebt, wie viele Jugendliche auf dem Land, mit ihren Eltern und Großeltern zusammen. Drei Generationen unter einem Dach, das bedeutet nicht nur Stress, sondern auch Teamwork und Nestwärme. Die 19-Jährige sieht Vor- und Nachteile. Doch beim Gedanken an ihren nicht allzu fernen Auszug verspürt sie auch ein mulmiges Gefühl.

"Zuhause im kleinen Epplingen ist das doch völlig normal, wenn die ganze Familie unter einem Dach wohnt. In meiner Schulklasse in Osterburken bin ich da eher die Ausnahme", hält Wanessa fest. Bei knapp 200 Einwohnern zählt der Boxberger Stadtteil nur etwa halb so viele Häuser. Woran das liegt? Ganz einfach: es leben viele Familien, teilweise mit drei Generationen, in einem Gebäude. Großeltern, Eltern, und die Jüngsten, sind somit sehr eng beisammen. Genauso ist es auch für die 19-jährige Wanessa Alltag. Kommt die Schülerin des Ganztagsgymnasiums aus Osterburken nach Hause, isst sie meist bei ihren Großeltern im Erdgeschoss. Danach geht es eine Etage nach unten, in ihre eigene Wohnung.

Wanessas Eltern haben die Dachwohnung bezogen. Bis vor drei Jahren lebte die Schülerin noch bei ihnen. "Als dann meine Schwester 2009 auszog, war für mich klar, dass ich nach unten ziehe", erklärt Wanessa überzeugt. Sie richtete sich neu ein, kaufte Küchengeräte und alles, was man fürs Haushalten braucht, und schuf somit ihr eigenes kleines Reich. Seither kocht sie an den Wochenenden für sich selbst, wäscht die Kleider und erledigt sämtliche Einkäufe.

Aber ab und an genießt sie dann doch noch die Vorzüge des "Tür-an Tür-Lebens". "Wenn ich beim Einkaufen was vergessen hab, ist es ganz praktisch, mal eben nach oben gehen zu können. Da bekomme ich meist, was mir beim Kochen gerade fehlt."

Viel mehr wiegt aber der Tatsache, dass immer jemand da ist, wenn es was zu bereden gibt. "Das ist einfach klasse", schwärmt Wanessa, "man hat zwar seine eigenen vier Wände, ist aber nie allein." Wäre sie ausgezogen, käme sie abends in eine völlig leere Wohnung und müsste sich völlig auf sich allein verlassen. Hinzu kommen die unterschiedlichen "Familienrituale". "Meist kommt meine Schwester sonntags mit ihrer Familie. Dann spielen wir alle zusammen Brettspiele und planen die nächste Woche."

"Im Gegenzug ist es aber auch wieder schön, wenn man die Tür mal zumachen kann und seine Ruhe hat. Denn es mischt sich in so einem Drei-Generationen-Haus eben doch jeder in die Sache des Anderen ein. Da muss man auch mal nein sagen können", erklärt sie ihre Position. Wo Vorteile sind, gibt es bekanntlich Nachteile. "Absolut nervig ist es, wenn jemand von oben meint, am Samstagmorgen in aller Früh staubsaugen zu müssen. Das bekomme ich hier unten natürlich in aller Lautstärke mit", ärgert sich die 19-Jährige mit Blick auf ihre Mutter, die gerade zur Tür herein gekommen ist.

An Schlaf ist dann nicht mehr zu denken. Genauso wenig gefällt es Wanessa, dass ihre Eltern und Großeltern sich eben doch noch gerne in ihre Haushaltsführung und Planungen einmischen. "Aber das ist ja in allem so. Die ältere Generation hat mehr Erfahrung und will diese auch an die jüngere Generation weitergeben", lenkt sie respektvoll ein.

Da wirft ihre Mutter ein: "Andere Kinder wären sicher auch manchmal froh, wenn Oma und Opa helfen könnten. Das vergessen unsere Kinder hier gelegentlich. Rat und Tat von Älteren schmeckt eben nicht jedem Kind oder Enkel. Aber manchmal ist es mehr als hilfreich."

Nach dem Abitur will Wanessa ab Herbst in Kiel studieren - Auszug vorbestimmt. "Ich glaube, dass ich genau das vermissen werde, was mich jetzt am meisten nervt." Damit hat sie wohl Recht. Denn wenn sie erst einmal nicht mehr zu Hause wohnt, wird ihr wohl ganz automatisch die Stille der dann "ganz und gar eigenen Wohnung" aufs Gemüt schlagen.


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Autor: CARINA ROOS | 21.01.2012

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