Meine Bücher handeln von Obsessionen
Judith Schalansky ist am Donnerstag, 8. März, um 19.30 Uhr zu Gast bei "Literatur im Schloss" im Deutschordensmuseum. Mit ihrem Roman "Der Hals der Giraffe" sorgte sie im Herbst für Aufsehen. Ulrich Rüdenauer unterhält sich mit ihr über ihr neues Buch, das während des Gesprächs auf einem Tisch zwischen Interviewer und Autorin liegt.
JUDITH SCHALANSKY: Da ist ein interessanter Fleck auf dem Cover. Finde ich gut. Bücher sind Gebrauchsgegenstände.
Man sollte aufpassen, wo man sein Buch ablegt. Aber wenn wir schon beim Einband sind: Sie haben Ihren neuen Roman selber gestaltet. Es ist ein Leineneinband, der die Anmutung eines 50er-Jahre-Buches hat. Welche Idee lag dem zugrunde?
SCHALANSKY: Tatsächlich sahen in der DDR in den 80er Jahren die Bücher auch noch so aus. Ich mag Leineneinbände sehr gerne. Mich haben Schutzumschläge immer ratlos gemacht. Angeblich sind es ja Plakate der Bücher. Ich wollte auf jeden Fall eins ohne Schutzumschlag, ein Buch, das zeigt, wie die Einbände früher aussahen. Heutzutage ist der Schutzumschlag das eigentliche Cover geworden. Das war früher anders. Man warf ihn weg, und darunter kam nicht selten eine wunderbare Einbandgestaltung zum Vorschein. Bei mir ist der Einband aber auch Gestaltungsidee. Er hat exakt die Anmutung, die dem Inhalt und der Protagonistin Inge Lohmark entspricht.
Inwiefern passt der Einband zu Ihrer Hauptfigur?
SCHALANSKY: Auf den ersten Blick erscheint einem das grobe Leinen karg, geradezu ärmlich, auf jeden Fall wie aus einer anderen Zeit. Wenn man das Buch in die Hand nimmt, merkt man jedoch, dass das Material lebt, sich die geprägten Buchstaben und der Giraffensiebdruck mit der Zeit womöglich abwetzen werden. Zunächst kommt Inge Lohmark sehr streng daher, und dann, beim weiteren Lesen, erkennt man einen Menschen, der so ist wie wir alle, der eben auch fühlbar ist - und fühlt.
Bleiben wir noch mal kurz beim Cover. Unter dem Titel steht die Gattungsbezeichnung "Bildungsroman". Das ist keck.
SCHALANSKY: Es mag ironisch klingen. Aber es ist auch ernst gemeint. Natürlich ist das Buch im besten Sinne ein Anti-Bildungsroman, aber so etwas schreibt man nicht aufs Cover. Als Geste wäre das albern. Es ist mein Vorschlag, wie heute ein Bildungsroman aussehen könnte. Er spielt in einem Gymnasium, erzählt von dem Wissen, das dort verabreicht wird, von der Bebilderung der Schulbücher, bietet darüber hinaus eine Umkehrung der klassischen Bildungsroman-Anordnung: Wir haben keinen jungen Helden, sondern eine ältere, ja ältliche Frau Mitte 50, eine Biologielehrerin, die am Ende ihrer Bildungsbiografie steht und der das ganze Wissen, das sie in ihrem Leben angehäuft hat, überhaupt nicht hilft.
Tatsächlich macht die Figur im klassischen Bildungsroman eine Entwicklung durch. Das lässt sich von Ihrer Biologie-Lehrerin Inge Lohmark nur schwerlich behaupten.
SCHALANSKY: Ich glaube durchaus, dass man einer Art Entwicklung oder sagen wir Verstörung beiwohnen kann. Der Begriff Entwicklung im biologischen Sinne spielt ja im Buch eine große Rolle. Im letzten Kapitel lehrt Inge Lohmark die Entwicklungslehre. Insofern wird die Idee einer Entwicklung auch auf einer Metaebene diskutiert. Wir beobachten eine Figur beim Funktionieren. Und im Zuge des Lesens machen wir selber eine Entwicklung durch und nähern uns ihr nach und nach an, obwohl wir uns das anfangs gar nicht vorstellen können. Zu stark ist das Klischee des strengen, unversöhnlichen, fiesen Lehrers. Was das eigentlich für ein Mensch ist und was für eine Weltsicht er hat, interessiert uns erst nach einer Weile. Am Ende des Buches gibt es bei Inge Lohmark ein Bewusstsein für bestimmte Fragen, die sie früher sich gar nicht erlaubt hätte. Das ist das Maß an Entwicklung, das ich dieser Figur zugemutet habe. Ich glaube weder im Leben noch in der Literatur an Erlösung. Die Entwicklung macht bekanntlich keine Sprünge. Der Begriff ist ohnehin zu euphemistisch. Wir verbinden ja mit Entwicklung die Vorstellung davon, dass alles besser wird. Meistens bleiben die Dinge ja doch so wie sie sind. Es gibt höchstens graduelle Unterschiede des Verstehens oder Fühlens oder des Daseins. Darum geht es.
In ihrer biologistischen Perspektive denkt Inge Lohmark aber in den Kategorien Entwicklung und Anpassung. Dieses Weltbild hat sie stark verinnerlicht. Ihre Außenwelt jedoch kann sie überhaupt nicht nach diesen Maximen wahrnehmen.
SCHALANSKY: Ja, absolut. Deswegen mag ich sie auch, deswegen rührt sie mich. Das ist ja ein hausgemachter Biologismus, den sie da praktiziert. Spannend wird es, wenn sie sich immer mehr widerspricht. Man sieht einer Figur dabei zu, wie ihr das mühsam zusammengebastelte Weltbild langsam abhanden kommt, zugleich ihre starre Welterklärungsmaschinerie noch einmal zu Höchstform aufläuft. Inge Lohmark verabscheut Religion, aber natürlich ist die Biologie ihr ein Religionsersatz. Letztlich sucht sie Trost.
Darwin ist ihr Ersatzgott. Und Inge Lohmark hat auch eine gewisse Neigung, Darwin aufs Soziale zu übertragen und manchmal wie eine neoliberale Vorkämpferin zu klingen - und das, obwohl sie als Lehrerin in der DDR sozialisiert wurde.
SCHALANSKY: Bei ihr passt so einiges nicht zusammen. Mir war es tatsächlich ein großes Anliegen, erst einmal zu schauen, inwiefern gerade die der Objektivität verpflichteten Naturwissenschaften wahnsinnig ideologieanfällig sind. Da kann, wenn man eine starke Perspektive schafft, alles in einer Figur zusammenfallen - Sozialismus, Sozialdarwinismus, Kapitalismus. Jeder Mensch ertappt sich ja immer wieder dabei, permanent in Widerspruch zu sich selbst zu geraten und sich aus dem großen Sortiment die Denk- und Glaubensrosinen herauszupicken. Dadurch kriegt Inge Lohmark eine Art Unberechenbarkeit. Das macht sie interessant.
Sie fühlt sich auch irgendwie ziemlich alleine in ihrem Unbehagen.
SCHALANSKY: Inge Lohmark ist eine Frau, die keine Beziehung mehr hat. Sie hat einen Ehemann, von dem immer mal wieder die Rede ist, der im ganzen Buch aber nicht auftaucht. Dieser Ehemann züchtet Strauße. Ein tolles Bild für diese Regionen im Osten, aus denen alle wegziehen. Die damit einhergehende Versteppung schafft aber Möglichkeitsräume - zum Beispiel für so etwas Exotisches, Absurdes und Komisches wie eine Straußenfarm. Davon gibt es in Mecklenburg-Vorpommern tatsächlich einige. Den Tieren bekommt das Klima übrigens sehr gut.
Ihr Weltbild schützt Inge Lohmark auch davor, sich mit ihrem eigenen Leben auseinanderzusetzen.
SCHALANSKY: Ja, wir sehen einem Menschen dabei zu, wie er behauptet, er brauche keinen Gott, keine Literatur, nicht mal ein Hobby. Es war für mich ein Spaß, Kultur und Naturwissenschaft in einem abgeschlossenen Ort wie der Schule gegeneinander antreten zu lassen.
Sie haben sich in ihren bisherigen Büchern in ganz unterschiedlicher Form mit verschiedenen Themen auseinandergesetzt - mit Schrifttypen, mit Matrosen, mit abgelegenen Inseln und nun mit der Biologie. Gibt es da einen Zusammenhang?
SCHALANSKY: Jedes Buch ist eine Welt für sich. Aber all diese Bücher beschäftigen sich mit Obsessionen. Beim literarischen Debüt "Blau steht dir nicht" über Matrosenanzüge ging es eindeutig um eine Kindheitsobsession von mir. Beim "Atlas der abgelegenen Inseln" wollte ich zeigen, dass Form und Inhalt, Bild, Text und Gestaltung nicht voneinander zu trennen sind. Das ist mein Begriff von Autorschaft: Bücher zu schreiben, die auf fruchtbare Weise die Gattungsgrenzen ausloten, einen Matrosenroman, der die Romanerwartung unterläuft, genauso wie Matrosen viel versprechen und nicht halten, einen Atlas, der beweist, dass Atlanten poetische Bücher sind, und nun eben einen Bildungsroman, der den Begriff ganz wörtlich nimmt.
Info Karten für die Lesung mit Judith Schalansky am 8. März im Deutschordensmuseum gibt es bei der Buchhandlung Moritz und Lux (Telefon: 0 79 31/510 88) oder an der Kasse des Deutschordensmuseums.
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Autor: SWP | 10.02.2012
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Von der Psyche einer Biologielehrerin erzählt Judith Schalansky in ihren neuen Roman "Der Hals der Giraffe". Diesen stellt sie in Lesung und Gespräch am 8. März um 19.30 Uhr im Deutschordensmuseum vor. Foto: Susanne Schleyer/Suhrkamp
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