Kurerfahrung als literarische Vorlage

"...Wieder wohlgefühlt ... wie vor 15 Jahren in >Gallensteins Lager

Bevor er der bekannte Satiriker mit dem Pseudonym T.T. wurde - er ließ wissen, dass er im Bücherregal neben Tucholsky stehen möchte -, schrieb er von 1945 an unter seinem bürgerlichen Namen Kritiken und Artikel für Zeitungen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Möglicherweise haben bei dem Pseudonym die Trolle und der Trollinger Pate gestanden.

Schon im Dezember 1946 hatten die Mergentheimer zum ersten Mal Gelegenheit, Dr. Hans Bayer kennenzulernen - als Kunstkritiker, denn es erschien in der lokalen Zeitung eine ausführliche Besprechung der deutschen Erstaufführung von Paul Hindemiths Oper "Mathis, der Maler" in Stuttgart, einem Werk, das im Dritten Reich nicht aufgeführt werden durfte. Dafür tat Bayer Abbitte bei dem Komponisten, und auch dafür, dass man ihn 25 Jahre zuvor an derselben Stelle wegen der Oper "Nusch-Nuschi" ausgepfiffen hatte. Umso mehr lobte er die Aufführung, die auch die in Wintermäntel gehüllten Zuschauer enthusiastisch feierten.

Er berichtete auch bis 1951 als Stuttgarter Spiegel-Korrespondent. Dass sein schriftstellerischer Weg nicht auf journalistische Recherche beschränkt bleiben würde, zeigte sich schon mit seiner Beteiligung an der Gründung der ersten satirischen Zeitschrift im Nachkriegsdeutschland. Es war "Das Wespennest", an dem auch Werner Finck mitarbeitete, der für seine kabarettistischen Darbietungen im Dritten Reich manchen Tag hinter Gittern oder im KZ verbracht hatte, bevor er zur Truppenbetreuung an die Front geschickt wurde. Hans Bayer, geboren 1914 in Bad Cannstatt, hatte Germanistik und Kunstgeschichte an den Universitäten in Tübingen, das er schnell verließ, weil er ein Hitlerbild demoliert hatte, München, Halle und Leipzig studiert. 1938 schrieb er eine Dissertation über das Pressewesen. Danach wurde er Soldat und überlebte die sechs Jahre des Kriegs. Er geriet in englische Gefangenschaft und leitete das Lagertheater.

Es dauerte einige Zeit, bevor sich der literarische Erfolg einstellte. Zunächst erschienen von 1954 an Bändchen mit zumeist satirischen Erzählungen, über Theater, Autofahren, Manieren, und zwar vorwiegend im schweizerischen Sanssouci-Verlag. Seine Romane ließen sich schwer verkaufen und landeten im modernen Antiquariat. Als ihm ein Bestseller geglückt war, wurden sie allerdings wieder aufgelegt.

Diesen großen Erfolg hatte Troll - in einem Hamburger Verlag - mit seinem Band "Deutschland, Deine Schwaben" (1967), der sich in zwei Jahren 200 000 Mal verkaufen ließ. Es folgten eine verbesserte Fassung "im neuen Anzügle" und dann "für Fortgeschrittene" ein zweiter Teil: "Preisend mit viel schönen Reden" (1972). Die Taschenbuchausgabe (1970) hatte auch schnell die Hunderttausendmarke überschritten. Aus der Reihe "Deutschland, deine ......" hat kein anderes Werk eine Fortsetzung bekommen. In den letzten Jahren wurden diese Werke Trolls in einem Verlag wiederaufgelegt, der sich ganz auf schwäbischen Themen konzentriert hat.

Troll galt hinfort als Autorität für alles Schwäbische. Es gab nicht nur mehrere Bücher über Stuttgart und über Württemberg, auch "Thaddäus Troll"s Schwäbischer Schimpfkalender" wurde einige Jahre lang herausgegeben. Bekannten schickte er diese signiert zum Neuen Jahr. Mittlerweile sind sie in "Thaddäus Trolls schwäbische Schimpfwörterei" zusammengefasst.

Wer allerdings mit Gedichten und "Filsinger-Briefen" nach der Art von Ludwig Thomas Filserbriefen gegen den baden-württembergischen Ministerpräsidenten kämpft, wer für einen "intelligenteren" Bundespräsidenten wirbt und wer eine Wählerinitiative für einen demokratischen Machtwechsel gründet, der durfte sich nach 1968 nicht wundern, wenn er in manchen Medien zum geistigen Urheber des Terrorismus oder zum Lager der Sympathisanten von Terroristen gezählt und - dadurch angestachelt - von anonymen Anrufern belästigt wurde. Troll teilte das Schicksal von Böll und Grass: von einer Seite geschätzt, von der anderen gehasst. Er trug dies offenbar mit Gelassenheit.

Wichtiger als solche Gefechte war dem politischen Menschen Dr. Bayer seine Wirksamkeit als Helfer seiner Kollegen. Mit seiner Tätigkeit in Institutionen - unter anderem als Mitglied des Rundfunkrates, im PEN-Club und als Vorsitzender des Baden-württembergischen Schriftstellerverbandes - wollte er vor allem die soziale Freiheit und Absicherung der Autoren im Alter erreichen: eine Bibliotheksabgabe und eine Künstlerversicherung sollten der Vorsorge für die freischaffenden Künstler dienen. Um das Engagement für seine Kollegen zu ehren, wurde nach seinem Tod (1980) vom Förderkreis deutscher Schriftsteller, den er mitbegründet hatte, der Thaddäus-Troll-Preis an "jüngere, qualifizierte, aber noch wenig bekannte Autoren" als Arbeitsstipendium verliehen.

Vor allem half Troll, die als provinziell verachtete Mundart als Mittel kritischer Literatur salonfähig zu machen. Geradezu ein Klassiker wurde "Der Entaklemmer", seine Übertragung von Molières "Der Geizige" ins Stuttgarter Milieu. Er regte Kollegen an, in ihrer tatsächlichen Muttersprache zu dichten. Dem Mergentheimer Volkshochschulleiter Willi Habermann schrieb Troll, er rechne ihn zu den "Mundart-Poeten", "die zu lesen und auf die zu hören sich lohnt". Habermann war für ihn ein Mann, "der aufdeckt, dass man mit der schwäbischen Sprache nicht nur witzeln, verniedlichen, verharmlosen kann, sondern dass sie sich zur subjektiven und objektiven Kritik eignet und dass man mit ihr menschliche Situationen, menschliche Denkgewohnheiten sehr viel präziser und bildhafter schildern kann als in der sterilen Hochsprache".

Um den erfolgreichen Autor Troll rissen sich zeitweise Verleger und Veranstalter von Dichterlesungen. Der Künzelsauer Sigloch-Verlag und der Würzburger Stürtz-Verlag ließen prächtige Bildbände von ihm und seiner Frau Susanne Ulrici betexten. Troll konnte den Wünschen nach Autorenlesungen kaum nachkommen.

Im Dezember 1970 kam er jedoch, von Willi Habermann eingeladen, im Rahmen der Volkshochschule nach Bad Mergentheim. Die Attraktion des Abends "Thaddäus Troll liest Thaddäus Troll" war natürlich neben den Texten aus dem Schwabenbuch die satirische Erzählung aus dem Jahr 1956, die aufgrund seines Kuraufenthalts in Bad Mergentheim entstanden war: "In Gallensteins Lager". "Wie man ein Bad gründet" und viel Geld dadurch verdient, war ein zweiter Text, den Troll aufgrund dieser Erfahrung schrieb. Diese kurze Erzählung hat die Mergentheimer Kurzeitung mit einer Art Selbstironie mehrmals abgedruckt. Der 1974 in Stuttgart noch verkannte Stuttgarter Autor Hermann Lenz lobte solche "Trollereien" anlässlich von Bayers 60. Geburtstag: "Der nachsichtige Spott, die treuherzige Unverfrorenheit gehören ebenso zu ihm wie die Kraft der eleganten Formulierung."

Am 16.Oktober 1974 stellte Troll, wiederum im Rahmen der Volkshochschule, neben neuen Erzählungen die schwäbische Version des Aufklärungsbuches "Wo kommet denn dia kloine Kender her?" vor. Den Zuhörern überließ die Kreissparkasse Bad Mergentheim die von Troll für Jugendliche verfasste Broschüre "Start frei". Troll war in vielen literarischen Gattungen zu Hause: Mundartgedicht, Glosse, Sketch, Satire, Feuilleton, Essay, Hörspiel, Theaterstück, Roman. Er schrieb aber eben auch Gebrauchsliteratur. Manch einer schätzt besonders seine Kochbücher, denn der Schriftsteller und streitbare Demokrat war auch ein Feinschmecker, Weinkenner und Hobbykoch, der seine Küchentipps und gelungenen Rezepte - nicht nur aus der schwäbischen Küche, sondern auch aus denen vieler Länder - weitergab.


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