"Jeder wusste Bescheid""

Bad Mergentheim.  Im Bad Mergentheimer Finanzamt aufgetauchte Steuerakten jüdischer Bürger (wir berichteten) sind jetzt im Staatsarchiv vorgestellt worden. Sie zeigen, dass viele über die jüdischen Schicksale Bescheid wussten.

Kaum jemals waren Steuerakten so spannend: 220 Faszikel über jüdische Bürger aus den Jahren 1913 bis 1942 wurden auf dem Dachboden des Finanzamts Bad Mergentheim entdeckt. Historiker Hartwig Behr aus Markelsheim präsentierte sie im Staatsarchiv Ludwigsburg.

Die Geschichte der Juden im Taubertal wird nicht neu geschrieben werden, doch "die individuellen Schicksale der Juden werden lebendig". Zudem fallen auch neue Schlaglichter auf das Verhalten der ehemaligen christlichen Mitbürger und "im Dorf kann keiner mehr sagen: Wir haben"s nicht gewusst".

Die Akten, die jahrzehntelang verschollen waren, zeigen detailliert den Umgang der Steuerbehörden mit jüdischen Personen und Firmen, die im Altkreis Mergentheim wohnten oder vor ihrer Deportation noch einige Zeit in der Kurstadt zu leben hatten.

Unterlagen zur Einkommensteuer und Vermögensteuer von mehr als 100 Gewerbetreibenden oder steuerpflichtigen jüdischen Bewohnern bilden den Schwerpunkt des Fundes.

Auch Einheitswertbescheide und Nachweise über die Umsätze der Betriebe sind vorhanden, aufschlussreich sind die Akten über Betriebsprüfungen.

Vor wenigen Monaten wurden die Akten, die etwa drei laufende Meter umfassen, entdeckt. Inzwischen sind sie an das Staatsarchiv in Ludwigsburg abgegeben und dort einer ersten Durchsicht unterzogen. Wie Archivleiter Dr. Peter Müller bei einer Pressekonferenz erläuterte, war die Freude über den seltenen Fund sehr groß - und entsprechend deutlich auch der Dank an den "passionierten Lokalforscher und Kenner der jüdischen Geschichte, Hartwig Behr". Obwohl man jährlich rund 100 Aktenbestände übernehme, sei der Bestand an originalem Material über die nationalsozialistische Zeit gering.

Meist seien es nur Dokumente aus späterer Zeit, die Rückschlüsse ermöglichten. Und "die Finanzverwaltung ist wegen des Steuergeheimnisses ohnehin kein ganz einfacher Partner". Erst das geltende Archivgesetz habe festgelegt, dass Finanzakten genau wie andere Akten nach einer Frist von 60 Jahren für die Forschung zugänglich seien und öffentlich eingesehen werden könnten.

Mit ungeteilter Freude, so der Archivleiter, könne man die in Bad Mergentheim aufgetauchten Akten freilich nicht betrachten. Schließlich zeigten sie in aller Deutlichkeit die finanzielle Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung in Württemberg.

Ganz außergewöhnlich an dem Fund vom Dachboden des Finanzamts sind die Handakten des Oberfinanzinspektors Belzner. Detailliert habe der, so Hartwig Behr, dokumentiert, wie und an wen das Vermögen von Juden versteigert wurde, die ausgewandert waren oder deportiert wurden.

Wenn man diese Aufzeichnungen mit den Einwohnerlisten vergleiche, sei offenkundig, dass diese Versteigerungen nicht fern von der Öffentlichkeit stattgefunden hätten. So habe es in Markelsheim bei 253 Haushalten 73 Käufer gegeben und in Laudenbach seien 98 Käufer bei 228 Haushalten verzeichnet. Damit sei klar: "Jeder wusste das, was mit den Juden geschah".


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Autor: PETER KESSLER | 10.09.2011

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