Der Turm und das Kreuz

Der Donner grollt. Ein Blitz zuckt durch die dunkle Nacht. Feuer, überall Feuer. Ängstlich springen Leute aus dem brennenden Turm. Steht das Lisa auch bevor, der ich beim Tarot gerade den Turm gelegt habe?

Der Pausengong ertönt, doch Lisa (16) starrt immer noch erschrocken auf die Zeichnung der Karte "Der Turm". Steckt in den merkwürdigen Symbolen und Prophezeiungen doch ein wahrer Kern? Mit drei Mitschülern sitze ich am Freitagmittag im Aufenthaltsraum der Schule und lege ihnen mittels Tarotkarten die Zukunft.

Doch Lisa scheint nicht gerade begeistert von dem, was ich ihr in meinem Handbuch "Tarot für Anfänger" blätternd, voraussage. Mit dem Legemuster "Der Kompass" will Lisa wissen, ob sie am Wochenende nun auf eine Tanzveranstaltung gehen soll oder nicht. Sieben Karten sollen ihr den Verlauf der beiden Möglichkeiten anzeigen. Doch es folgt eine negative Karte auf die andere. "Erst wirst du stagnieren, während die anderen feiern. Und am Ende wird alles zusammenbrechen", fasse ich ihre Prophezeiung zusammen. Auf der anderen Seite würde sie Hemmungen haben und am Ende sowieso enttäuscht werden. "Das zieht schon jetzt runter und hat mich auch nicht wirklich weitergebracht", meint die 16-Jährige. Philipp (17) hingegen, der noch nie mit Tarotkarten in Berührung kam, wartet bereits ungeduldig. Die Umstehenden rufen immer wieder, halb belustigt, Kommentare. Auch als "Esoteriktante" werde ich bezeichnet. Ein bisschen beobachtet fühle ich mich schon, denn eigentlich soll Tarot als Schlüssel zur Seele dienen und ist Privatsache. Tarot polarisiert, wird immer beliebter. In jeder großen Buchhandlung finden sich inzwischen Kartensets und Bücher.

Philipp spürt beim Ziehen aus den fächerartig ausgebreiteten 78 Karten sogar ein Zittern in den Fingern. Er fühlt sich also zu bestimmten Karten sprichwörtlich hingezogen. Trotzdem bleibt er von der Aussage der Karten unbeeindruckt. "Ich hätte meine Entscheidung vielleicht noch überdacht, wenn die Karten etwas Eindeutiges gesagt hätten." Die Dritte in der Runde, Pamela, hat nach meinem Legen ihrer beruflichen Zukunft, bei dem das umfangreiche System "Das keltische Kreuz" entstand, nur Kritik übrig. "Es ist so allgemein gehalten, dass es auf fast alles passt. Ich kann mir zwar schon eine konkrete Sache vorstellen. Aber auch noch 20 andere", meint die 17-Jährige frustriert. "Dennoch finde ich es interessant zu sehen, wie man reagiert. Obwohl ich weiß, dass es Zufall ist."

Nach dem Wochenende folgt die Auflösung. Konnte ich meinen Mitschülern wirklich die Zukunft vorhersagen? Lisa erzählt, dass im Grunde nur eine Karte wirklich gestimmt hat. Sie ist erleichtert und skeptisch zugleich. Philipp meint: "Im großen und ganzen hat es schon gepasst. Aber ich konnte nicht jeder Karte etwas zuordnen. Es war eine Mischung aus allen."

Bleibt mir abschließend zu sagen, dass Tarotkarten wohl kaum die Zukunft voraussagen können. Aber sie dienen in gewisser Weise dazu, durch das Stellen wichtiger Fragen über uns und unsere Gefühle nachzudenken. Auf keinen Fall sollten die Karten als bestimmende Entscheidungshilfe oder als Zukunftsdeutung gesehen werden. Wer sich darauf verlässt und nichts mehr allein entscheiden kann, gibt seine persönliche Freiheit in die Hände kosmischer Kräfte und ägyptischer Sagen, und könnte Stammkunde bei Astro TV werden. Das ist zeitaufwendig und sehr teuer.


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Autor: MICHELLE KLUSS | 28.01.2012

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