Baum erinnert an großen Japanforscher

Bad Mergentheim.  Ein Würzburger Arzt stand Pate für botanische Namen wie sieboldii oder sieboldiana. Nicht nur der Bad Mergentheimer Schlosspark verdankt Philipp Franz von Siebold (1796 - 1866) viele Pflanzen.

Besonders beeindruckend ist der Blauglockenbaum neben der Schlossmauer am nordwestlichen Rand des Schlossgartens. Wenn ihm kein Spätfrost , wie im vergangenen Jahr, das Leben schwer macht, dann erfreut er mit einer ungeheuren Blütenpracht. Im Frühjahr kommen die bis zu 40 Zentimeter langen Blütenständen vor dem Blattaustrieb. An den traubigen Blütenständen sitzen die ungefähr fünf Zentimeter großen glockenförmigen und blauvioletten Blüten, die dem Baum den deutschen Namen gegeben haben.

Seinen botanischen Namen Paulownia tomentosa bekam der Baum, der auch Kaiserbaum oder Kaiser-Paulownie genannt wird, vom Würzburger Arzt, Naturforscher und Japanologen Philipp Franz von Siebold.

Nach dem Medizinstudium in Würzburg war Siebold zunächst als Arzt tätig. Mit Erlaubnis des bayrischen Königs ging er im Auftrag des holländischen Königshauses nach Ostindien. Auf der beinahe fünf Monate dauernden Schiffsreise lernte er neben seiner Tätigkeit als Schiffsarzt Holländisch und Malaiisch. Schon nach zwei Monaten Arbeit in Java war der zuständige Generalgouverneur so von den Talenten des 1823 gerade 27jährigen Deutschen beeindruckt, dass er ihn als Arzt und Naturforscher nach Japan entsandte.

Japan war während der Togugawa-Regierung (1603 - 1868) ein für Fremde unzugängliches Land. Die Japaner hatten schon 1639 die Europäer ( Portugiesen, Engländer, Spanier) ausgewiesen, weil diese aufdringliche christliche Mission betrieben. Die Niederländer konnten bleiben, weil sie nur im Handel tätig waren und die Japaner nicht mit Glaubensfragen behelligten.

Extra für eine niederländische Niederlassung war vor der Küste der heutigen Großstadt Nagasaki die kleine, künstliche Insel Deshima mit gerade mal 1300 Quadratmetern errichtet worden. Die ungefähr 20 Holländer konnten nur mit Dolmetscher und Bewacher über die ständig abgeriegelte Brücke Japan betreten.

Genauso wenig wie die Europäer über Japan wussten, wussten auch die Japaner über die übrige Welt. Vor allem die japanischen Ärzte wollten von Siebold Einblick in die westliche Medizin gewinnen. Wenige Monate nach seinem Arbeitsbeginn durfte er Vorlesungen in Medizin und Naturkunde halten und als Arzt praktizieren. Vor allem in der Augenheilkunde brachte er es zu Ansehen.

Weil er kein Geld annehmen durfte, ließ er sich mit Pflanzen und Fakten über den japanischen Alltag beschenken. So erfuhr er als erster Europäer genaueres über Ikebana und Akupunktur. Seine Bewachung wurde im Laufe der Zeit gelockert und nur Studenten und Freunde passten auf ihn auf. So konnte er in der Umgebung Nagasakis Pflanzen sammeln und den von ihm errichteten botanischen Garten (1823 -1824 ) damit bestücken.

Siebold konnte sich auch an der Reise des Leiters der holländischen Niederlassung zur kaiserlichen Verwaltung im heutigen Tokio anschließen. Diese Anreise dauerte mehrere Wochen. Siebold nutzte die Wanderungen zum Botanisieren. Seinen Bewachern täuschte er eine starke Blasenerkrankung vor, die ihn zwangen immer wieder im Gebüsch zu verschwinden. Wenn er sich unbeobachtet fühlte, sammelte er Pflanzenteile und Samen und versteckte sie in einem Spazierstock mit Geheimfach. So gelangten über Siebold manche Pflanzen erstmals nach Europa: Das Tränende Herz, den Fächerahorn oder die Sternmagnolie verdanken wir Siebold.

Dem Blauglockenbaum gab Siebold den Namen Paulownia tomentosa. Die niederländische Kronprinzessin Anna Paulowna , die spätere Königin Anna war eine Tochter des russischen Zaren Paul I. Auch seine Publikation Flora Japonica mit 151 handkolorierten Zeichnungen widmete er der Kronprinzessin. Ein besonderer Liebhaber des 20 Meter mächtigen Blauglockenbaum war der österreichische Kaiser Franz Joseph. Er ordnete die Anpflanzung dieses Baumes im damaligen österreichischen Kaiserreichs an.

Von den vielen Pflanzen, die Siebold in den Westen brachte, hat besonders schnell das Tränende Herz seinen Siegeszug angetreten und ist heute in jedem mitteleuropäischen Bauerngarten zu finden. Ins damals holländische Java gelangte Teesamen aus Japan durch das botanische Geschick Siebolds.

Würzburg ehrt auf verschiedene Weise ihren berühmten Sohn, der in Japan hohes Ansehen genießt. In Nagasaki gibt es ein großes Sieboldmuseum. Auch im Würzburger Sieboldmuseum, einer deutsch-japanischen Begegnungsstätte, wird seiner gedacht.


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Autor: SWP | 25.01.2012

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