So schwach wie seit 80 Jahren nicht

Olympische Kernsportarten stehen besonders im Fokus. 2008 in Peking waren die deutschen Leichtathleten am Tiefpunkt, nun sind es die Schwimmer. Die Wellen schlagen hoch, weil keine Medaille geholt wurde.

Abgerechnet wird zum Schluss. Heißt es so schön. Bei den deutschen Beckenschwimmern haben die Tage der Abrechnungen und Abreibungen lange vorm letzten Wettbewerb begonnen, weil im Aquatics Center von Anfang an die erwarteten Medaillen ausblieben. Und das bis zum bitteren Ende. Nun werden alte Vorwürfe laut, neue Namen ins Gespräch gebracht. Eines ist klar: Das London-Debakel wird die Neuordnung im Verband beschleunigen, auch wenn Präsidentin Christa Thiel sich gestern hinter Leistungssportdirektor Lutz Buschkow gestellt hat. Es gehe "definitiv" mit ihm weiter. Sein Vertrag müsste zum Jahresende verlängert werden. Ein (Chef)- Bundestrainer - genau legt sich der DSV nicht fest - wird weiter händeringend gesucht.

Interesse am Bundestrainer-Job signalisierte via Fernsehen Henning Lambertz. "Wenn man mich gerne sehen würde, würde ich nicht nein sagen", betonte der Essener Stützpunktcoach. Und: "Man bräuchte mal eine Person, die fünf oder sechs Jahre die Richtung vorgeben kann."

Der geschasste Ex-Bundestrainer Dirk Lange ließ sich derweil die Chance nicht entgehen, kräftig in der Wunde zu bohren. "Ich erwarte, dass Rücktritte angeboten werden. Wenn man die Verantwortung übernimmt, muss man auch die Konsequenzen tragen", forderte er in einem anderen TV-Sender. Das klingt wie Teil zwei von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Die schlechten wurden 2008 in Peking vor allem durch die beiden Goldmedaillen für Britta Steffen kaschiert.

Diesmal blamiert sich die olympische Kernsportart mit großem Trainerapparat, einigen hoch gehandelten Sportlern und Spitzenförderung nach allen Regeln der Kunst, wenn wie jetzt Jahrbücher durchforstet werden, und man zum erstaunlichen Ergebnis kommt: Nur vor 80 Jahren, 1932 in Los Angeles, gabs ein ähnliches Debakel. Vergleichbar nicht ganz, weil elf statt 32 Disziplinen auf dem Programm standen.

Langes Kritik trifft den Trainerstab: "Wir haben eine sehr gute Basis, mit sehr guten Sportlern. Britta Steffen und Paul Biedermann zählen zu den Besten der Welt. Sie müssen nur in die entsprechende Verfassung gebracht werden", meint der Hamburger. Seit dessen Entlassung im November 2011 teilen sich Buschkow, der Diagnostik-Bundestrainer Markus Buck und die Olympiastützpunkttrainer die Aufgaben.

Seinerzeit schon war Lambertz auf den Plan getreten und hatte sich als Erneuerer positioniert. Er ist vor allem überzeugt: "Wir trainieren zu wenig und nicht hart genug." Schulische Belange, weite Wege zum Training und mangelnde Belohnungsanreize sieht er dafür als Gründe.

Ein Rezept für dauerhafte Erfolge wird seit Jahren vergeblich gesucht. Die großen Zeiten 1992 in Barcelona und 1996 in Atlanta mit je elf Medaillen sind lange vorbei. Und Buschkow hatte bereits am drittletzten Wettkampftag ernüchtert einräumen müssen, man könne international aktuell nicht Schritt halten. Wie 2008 waren sechs Medaillen die Vorgabe. Dass kleine Nationen wie Ungarn oder die Niederlande Edelmetall abräumen, trifft die Deutschen hart.

In der Enttäuschung über das Abschneiden des besonders unter Druck stehenden "Traumpaares" Steffen/Biedermann gingen vielversprechende Leistungen ziemlich unter. Immerhin kamen zwei Drittel des DSV-Teams zur Olympia-Premiere. Die aus Biberach/Riß stammenden Deibler-Brüder (jetzt Hamburg) waren 2008 in Peking bereits am Start. Steffen hatte in London beispielsweise auf dem Weg ins Finale über 100 Meter Schmetterling zwei Mal die persönliche Bestzeit gesteigert. Der jüngere Bruder Markus wurde über 200 Meter Lagen im von Michael Phelps gewonnenen Finale Achter. In Medaillennähe kam die Männer-Staffel über 4 x 200 Meter Freistil.

Das Thema "persönliche Konsequenzen nach London" betrifft übrigens nicht nur Trainer oder Funktionäre. Auch Britta Steffen, 28, schien bei der Frage nach der sportlichen Zukunft ins Schwanken geraten. Ihr Trainer Norbert Warnatzsch deutete sogar mögliche Rücktrittsgedanken an: "Britta hat schon sehr viel für den deutschen Schwimmsport geleistet. Und wenn sie weitermachen möchte, kriegt sie alle Unterstützung dieser Welt. Wenn sie aufhören möchte, dann ist das auch zu verstehen." Das klang, als wäre darüber intern bereits länger diskutiert worden.

Auf jeden Fall bleibt die EM 2014 in ihrer sportlichen Heimatstadt Berlin auf Britta Steffens Agenda: "Meine Leidenschaft ist ungebrochen." In London hat sie die Peking-Titel über 50 und 100 Meter Freistil nicht verteidigen können. Dem Halbfinal-Aus über 100 Meter folgte zum Abschluss am Samstagabend ein vierter Platz über 50 Meter. Wenns nicht läuft, ist auch das Pech nicht weit. Nur sieben Hundertstel fehlten zu Bronze.


Autor: WOLFGANG SCHEERER | 06.08.2012

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