Ehrung
: Horb als „die Hauptstadt der Zivilcourage“

Petra Sturm, Markus Springmann, Kai Nester, Marco Nester und Lukas Reimann wurden in einer Feierstunde für ihren Einsatz bei zwei Bränden ausgezeichnet.
Von
Manuel Fuchs
Horb

Kai und Marco Nester sowie Lukas Reimann meldeten diesen nächtlichen Brand in Bildechingen und warnten Anwohner.

FFW Horb

Es ist eine Oktobernacht des Jahres 2021. Im Horber Polizeirevier haben Kommissarin Petra Sturm und Hauptkommissar Markus Springmann Nachtdienst, erledigen Computerarbeiten, es ist ruhig. Doch um 2.05 Uhr geht der Alarm ein: In der Rexinger Bergstraße brennt ein Mehrfamilienhaus.

Wenige Minuten später sind beide als erste Einsatzkräfte vor Ort und sich ihrer Verantwortung bewusst: Aus dem Dach des einstigen Gasthauses „Sonne“ schlagen Flammen, doch die Bewohnerinnen und Bewohner schlafen. Sturm und Springmann - er ist selbst Feuerwehrmann - eilen durch das verrauchte Treppenhaus nach oben, wecken alle Bewohner und bringen sie ins Freie.

Es sei eine ungewohnte Lage gewesen, als erste Einsatzkräfte zu einem Brand zu kommen. „Wir haben nicht lange überlegt oder uns großartig besprochen, sondern getan, was nötig war“, sagt Sturm, jüngst zur Oberkommissarin befördert, der NECKAR-CHRONIK. Der Einsatz der beiden Polizisten rettete sieben Menschen, außerdem vier Katzen und einem Hund das Leben. Das Gebäude ist nicht zu retten, inzwischen wurde es abgerissen.

Ähnliches spielt sich am 27. März 2022 in Bildechingen ab: Die Brüder Marco und Kai Nester und ihr Nordstetter Cousin Lukas Reimann, alle um die 20 Jahre alt, alle Feuerwehrleute, kommen von einer Feier aus Eutingen nachhause. Schon von Weitem sehen sie einen Feuerschein über Bildechingen und fahren ihm entgegen: Das Haus in der Lindenbrunnenstraße 26 brennt. Die jungen Männer setzen sofort einen Notruf ab, es ist 5.34 Uhr.

Sie wissen zwar, dass das Haus gerade umgebaut wird, „aber trotzdem kann ja jemand drinnen sein“, sagt Marco der NECKAR-CHRONIK. Zu zweit treten sie die Tür ein und sehen, „da brennt alles, was brennen kann“. Sofort warnen sie die Bewohner des Anbau-Gebäudes vor der Gefahr; niemand wird verletzt. Die Feuerwehr kann mit über 50 Kräften immerhin ein Übergreifen des Feuers auf ein angebautes Wohngebäude vermeiden.

Öffentlicher Schulterschluss

Die Stadt Horb hatte zu einer Feierstunde am Mittwochnachmittag geladen, um den drei jungen Männern die Ehrenurkunde der Stadt für vorbildliches Verhalten zu verleihen, verbunden mit einem 50-Euro-Einkaufsgutschein. Die beiden Polizisten erhielten in diesem Rahmen die Rettungsmedaille des Landes Baden-Württemberg. Die begleitende Urkunde hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann unterzeichnet.

„In einer Zeit, in der Zivilcourage immer mehr in den Hintergrund rückt“, so sagte Horbs Oberbürgermeister in seiner Rede, sei es ihm wichtig, dieses „wahrlich tapfere Eingreifen“ öffentlich zu machen. Mit Blick auf die Blaulicht-Organisation sagte er, ihre Mitglieder erbringen Höchstleistungen im Sinne der Gemeinschaft und unter großem persönlichen Einsatz. Es sei ein Unding, dass sie sich - inzwischen auch im ländlichen Raum - in der Ausübung ihrer Tätigkeiten Übergriffen und Angriffen ausgesetzt sehen. „Wir stehen alle zusammen“, mit diesem öffentlichen Statement verband er Respekt und Dank an die Geehrten. „Sie haben weit über das hinaus gehandelt, was man im Dienst leisten muss.“ Springmann und Sturm wurden bereits mit der Ehrenmedaille des Landesfeuerwehrverbandes in Silber ausgezeichnet, die Rettungsmedaille des Landes sei ebenso verdient.

Ein wenig väterlich wandte er sich an die drei Nester-Brüder: „Da geht einem Oberbürgermeister das Herz auf, wenn junge Menschen Dinge tun, die nicht selbstverständlich sind. Ihr habt nicht darauf gewartet, dass irgendwer was tut - sondern ihr wart dieser ‚irgendwer‘.“ Den Brand nicht nur zu melden, sondern die Nachbarn aktiv zu warnen, sei ein vorbildliches Verhalten.

Einsatz für Mitmenschen

„Heute erleben wir Horb als die Hauptstadt der Zivilcourage im Landkreis“, sagte Landrat Dr. Klaus Michael Rückert. Er erlebe in den langen Jahren seiner politischen Karriere erst die zweite Verleihung der Landesrettungsmedaille. Auf die Blaulichtorganisationen, seien es Feuerwehr, Sanitäter, THW, DLRG, Bergwacht oder eben die Polizei, könne man sich verlassen. „Wie kann ich mich für meine Mitmenschen einsetzen?“, diese Frage stehe bei allen im Zentrum.

Er habe irgendwann einmal Jura studiert, fuhr Rückert fort. „Wir Juristen lesen und überlegen tagelang, manchmal wochenlang, ob das, was ein Polizist getan hat, von der letzten Verästelung irgendeines Paragrafen abgedeckt ist.“ Die Beamten vor Ort müssten jedoch all dieses Wissen abrufbereit im Kopf haben und umgehend handeln, wenn Gefahr im Verzug sei. Ähnlich die Feuerwehr: „Wenn der Melder runtergeht, muss alles stimmen und funktionieren.“

Dass die drei jungen Männer auf dem Rückweg von einer Feier, „ohne dass ein Melder piepte“, beim Brand in Bildechingen geistesgegenwärtig genau das Richtige getan haben, sei alles andere als selbstverständlich.

Andreas Bjedov, Leitender Polizeidirektor des Polizeipräsidiums Pforzheim, unterstrich Rückerts Lob: „Ich lese jeden Morgen viele andere Dinge, Lageberichte, die sind selten angenehm. Wir ehren heute Menschen, die sich für andere eingesetzt haben. Menschen wie Sie, wie euch, brauchen wir in unserer Gesellschaft.“

Auch Bjedov erwähnte die teilweise feindselige Stimmung, die Polizisten im Einsatz immer häufiger entgegenschlage. Die allgegenwärtigen Kamerahandys und die sogenannten sozialen Medien führten dazu, dass sich die Kolleginnen und Kollegen dauerhaft beobachtet fühlten. „Das macht was mit einem.“ Im Kontrast dazu sei Sturms und Ungers Verhalten zu sehen: „Ihr habt das eigene Leben in den Dienst der Allgemeinheit gestellt.“ Solch ein selbstloses Handeln sei nicht selbstverständlich. „Ich bin stolz auf euch; stolz, dass wir bei der Polizei Baden-Württemberg solche Leute haben. Ich bin sicher, ihr würdet in derselben Situation dasselbe wieder tun.“