Kirchenmusik
: Ein neues Gesicht an der Orgel

Die neue Stiftsorganistin Kirsten Sturm kommt aus Rottenburg. Sie hat viele musikalische Ideen für Horb. Eine Konzertreihe hat sie schon begonnen.
Von
Dunja Bernhard
Horb

Die neue Stiftsorganistin Kirsten Sturm vor der Tilman-Trefz-Orgel in der Horber Stiftskirche.

Karl-Heinz Kuball

Die Rottenburgerin Kirsten Sturm ist seit Anfang des Jahres Stiftsorganistin in Horb und damit Nachfolgerin von Reinhard Kluth. Die Horber konnten die 40-Jährige außer bei der Begleitung von Gottesdiensten schon in zwei Konzerten hören: ihrem Antrittkonzert in der Stiftskirche und dem Passionskonzert in der Liebfrauenkirche.

Vor zwei bis drei Jahren dachte Sturm schon einmal darüber nach, sich auf die Stelle der Stiftsorganistin zu bewerben. „Aber da waren die Kinder noch zu klein“, sagt sie. Heute begleitet am Sonntag der eine Sohn sie zum Gottesdienst und der andere den Vater Ruben Sturm. Er ist Domorganist in Rottenburg.

Horb ist außerhalb des Ballungszentrums Tübingen. Das musikalische Angebot sei dort geringer, berichtet Sturm. „Die Leute brauchen etwas. Ich kann etwas anbieten.“ Bei den beiden Konzerten stellte sie fest, dass die Menschen die Musik „einfach aufsogen“. Sie könne sich in Horb richtig entfalten, sagt die Organistin. „Das habe ich so nicht erwartet.“ Die Konzerte seien gut besucht gewesen. Die Leute hätten sich gefreut.

Die Konzertreihe mit sieben Terminen sei ihr Bonus, sagt sie. Die Organistenstelle, die die Betreuung der Orgel und Gottesdienste einschließt, ist nur eine Neun-Prozent-Stelle. Die Konzertreihe finanziert sich aus Spenden. Da sie nicht wusste, wie gut das gelingen würde, spielt Sturm fast alle Konzerte selbst. Die Konzertreihe sei für sie aus künstlerischer Sicht wertvoll. „Als Musiker rechnet man nicht mit Geld.“ Ihr gehe es darum, Ideen zu verwirklichen.

Konzert zum Ritterturnier

Das nächste Konzert ist am 16.Juni zum Ritterturnier. Dort wird Sturm mittelalterliche Kompositionen aus Horb spielen. Am Sonntag, 4. August, plant sie von 17 bis 21 Uhr einen Orgelabend mit zwei Konzerten auswärtiger Organisten, einer Führung und kulinarischem Angebot. Am Samstag, 19. Oktober, greift Sturm zur Violine und konzertiert zusammen mit ihrem Mann. „Gemeinsam zu spielen ist unser Hobby“, sagt sie. Im Dezember folgen ein adventliches Orgelkonzert und ein Orgelfeuerwerk zum Jahresabschluss.

Von der Stiftsorgel sagt Sturm, dass sie große Strahlkraft hat. Die spätbarocke Orgel ohne Schwellwerk eigne sich nicht für jede Komposition, aber Barock und Frühromantik gingen sehr gut. Durch ihre seltenen Klangfarben sei sie eine Charakterorgel. Ihr Erbauer Tilman Trefz arbeite künstlerisch. Die Beziehung des Instruments zum Kirchenraum stimme. „Für Trefz ist eine Orgel wie ein Kunstwerk.“ Sie bekomme immer wieder Anfragen von Musik- und Orgelinteressierten, weil sie sich das Instrument anschauen wollen.

In der Liebfrauenkirche, die eine kleinere Orgel mit Schwellwerk hat, gefallen Sturm Raum und Atmosphäre. Das „Käppele“ eigne sich gut für Chor- und Kammerkonzerte, sagt Sturm. Gottesdienste begleitet Sturm auch in der Aufstehung-Christi-Kirche und in Horber Teilorten.

In die Horber Gepflogenheiten müsse sie sich noch einarbeiten, sagt Sturm. Sie habe aber den Eindruck, dass ein Blick von außen ganz gut tue. Dass sie einmal in der Woche zum Arbeiten nach Horb fährt, gibt ihr Abstand. „Mein Kopf ist freier dort.“

Der Kirchenchor der Horber Kirchengemeinde müsse neu aufgebaut werden. Er sei überaltert und es fehlten Männerstimmen. Ihre Schülerin Min Jung kümmert sich um den Chor. „Ich hoffe, dass wir ihn retten können.“ Zu Ostern soll der Chor bereits im Gottesdienst singen.

Sturms Hauptaufgabenfeld bleibt die Rottenburger Hochschule. Dort hat sie eine 30-Prozent-Stelle. Außerdem unterrichtet die Kirchenmusikerin Privatschüler auf Klavier und Orgel. „Vom Anfänger bis zum Fortgeschrittenen.“ Am Unterricht mit den Anfängern reizt sie, dass sie „viel aufsaugen“ und noch formbar sind. Außerdem gehe die Entwicklung ganz schnell, und die Schüler ließen sich noch prägen.

Für Horb hat Sturm viele Ideen. Sie sieht dort noch Potenzial. „Es gibt viele Touristen, die zur Stiftskirche hoch laufen.“ Für sie möchte die Organistin etwas anbieten. In der Rexinger Kirche gebe es eine schöne romantische Orgel, die sich für Konzerte eigne. In zwei bis drei Jahren könnte es Horber Orgeltage geben, als Ergänzung zu dem Horber Musiktagen. Weitere Projekte erfordern jedoch eine finanzielle Grundlage.

Den letzten hauptamtlichen Stiftsorganisten gab es vor 30 Jahren in Horb. In den Köpfen der Menschen sei immer noch die Vorstellung, dass sie eine ganze Stelle habe, berichtet Sturm. Sie spüre aber, dass Interesse an ihrer Aufgabe und der Musik da sei. „Das ist keine ungute Problematik.“

Die Stiftsorganistin ist auch Hochschul-Dozentin

Kirsten Sturm wurde 1978 in Villingen-Schwenningen geboren. Sie studierte Orgel und Klavier an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. An der Hochschule für Musik des Saarlands legte sie die Konzertreifeprüfung ab. Von 2006 bis 2010 war Sturm Organistin an der katholischen Kirche Sancta Familia in Frankfurt. Seit neun Jahren ist die 40-jährige Dozentin für Klavier, Orgel und Orgelmethodik an der Hochschule für Kirchenmusik in Rottenburg. Sie steht zudem beim internationalen Musik-Label Naxos unter Vertrag. Kirsten Sturm hat mit ihrem Mann Ruben Sturm, dem Rottenburger Domorganist, zwei Söhne im Alter von sechs und acht Jahren.